Verdächtig: Das Spiel der Ähnlichkeit
Alina M. Saggerer
Tanzwissenschaftlerin an der Freien Universität sowie dramaturgisch und journalistisch tätig.
Nachahmung (gr. mímēsis) steht oft unter Verdacht. In der Tat kann sie ein Instrument sein, um aus den Identitäten anderer Profit zu schlagen. Doch der Verdacht reicht tiefer: Wer nachmacht, ist kein Original, wer anderen zu ähnlich ist, kann nicht eigenständig sein. „Du kopierst“ ist ein Vorwurf, eine Grenzziehung zwischen Eigenem und Entlehntem. Letzteres ist immer weniger wert. Individualität erscheint dabei weniger als Erfahrung, denn als Besitz, der geschützt werden muss.
Besonders in improvisationsbasierten Tanzklassen beschleichen mich oft Selbstzweifel: Ich sei unoriginell, würde immerzu dieselben Bewegungen wiederholen oder mich zu sehr an anderen orientieren. In technischeren Klassen verschiebt sich das Problem. Der Vergleich bleibt, das Ideal wechselt: Mein Bein kommt weniger hoch, meine Balance ist weniger stabil, meine Arme bewegen sich weniger weich. Selbst im dunklen Club, wo alle im Takt stampfen, verschwindet der Originalitätsanspruch nicht immer. Doch manchmal entsteht ein Enthusiasmus, ein Flow, in dem ich mich von diesen Gedanken lösen kann, in dem meine Gedanken meine Bewegungen nicht mehr beeinflussen und mein Körper nicht mehr fragt, sondern selbstbewusst antwortet.
Tanzen lernen wir (wie so vieles) zunächst auch mimetisch, nachahmend. Wir schauen zu, probieren, übernehmen. Es geht nicht um reine Reproduktion, sondern um die Fähigkeit, Ähnlichkeiten herzustellen und wahrzunehmen. Denn Nachahmung stellt Beziehung her. Vorbilder sind nicht nur Bilder, die man kopiert, sondern Bezugspunkte, an denen man sich (zeitweise) orientiert. Alle lassen sich inspirieren. Faszination ist kein Fehler. Vor (dem) Bild, Nach (dem) Bild – aber was geschieht dazwischen? Nachahmung ist eine Antwort, keine exakte Kopie. Mit jeder Wiederholung verschiebt sich etwas, alle antworten anders. Unterschiede entstehen nicht trotz, sondern durch Nähe: im Kontakt, in Auseinandersetzung.
Aber die Frage ist doch eigentlich nicht, ob wir nachahmen, sondern wie und warum. Wollen wir gleich oder ähnlich werden? Gleichheit heißt Einswerden, Verschmelzen, Aufgehen im Identischen. Ähnlichkeit dagegen hält Differenz aus und lässt Widerspruch zu. Ihr könnt ähnlich und unterschiedlich zugleich sein – aber nicht gleich und anders. Wollen wir (jemand) anderes sein und vor uns selbst flüchten oder lieber von uns ausgehend selber anders werden?
„Nicht wie die anderen sein“ ist ein Topos neoliberaler Individualitätslogik: alle gegen alle, Selbstaufwertung durch Abwertung anderer. Anderssein wird hier in Konkurrenz gedacht, als Individualität, die (vor anderen) verteidigt werden muss. Der Verdacht gegen die Nachahmung gründet auch auf Verlustangst. Doch sich auszuprobieren, sich mit und durch das Gegenüber zu verändern, heißt nicht automatisch (sich) verlieren, sondern (mit sich) spielen – ein Spiel, das nicht zwingend entfremdet, sondern auch annähert, da es Beziehungen nicht statisch oder konkurrierend denkt, sondern in Bewegung versetzen und vertiefen will.