Über den Wert des Tanzes
Auszüge aus "Valuing Dance: Commodities and Gifts in Motion".
Was macht Tanz wertvoll – und wie lässt sich dieser Wert überhaupt bestimmen? Die Choreografin und Tanzwissenschaftlerin Susan Leigh Foster geht der Frage nach, wie Tanz in unterschiedlichen Systemen von Austausch zirkuliert: als Ware, die bewertet, gehandelt und ökonomisiert wird, und als Gabe, die Beziehungen stiftet und sich nicht vollständig berechnen lässt. Zwischen Marktlogik und sozialer Praxis denkt sie Tanz als flüchtiges Ereignis, dessen Wert sich immer wieder neu im Moment der Weitergabe und Wahrnehmung formt. Susan Leigh Foster lehrt als Professorin am Department of World Arts and Cultures/Dance der UCLA in Kalifornien. Dieser Text ist ein Auszug aus dem 2019 erschienenen Buch "Valuing Dance: Commodities and Gifts in Motion".
Susan Leigh Foster
Choreografin und Tanzwissenschaftlerin
Wie wird etwas wertvoll? Wie entsteht und etabliert sich ein Wert, und wie wird er gesichert und bewahrt? Wie wird Wert angedeutet, legitimiert, verbreitet, durchgesetzt und verteidigt? Was macht eine Sache wertvoller als eine andere? Warum wird etwas mehr wertgeschätzt, wofür opfert man sich, in was investiert man und worum kümmert man sich mehr als um etwas anderes? Und was, wenn das, was wertgeschätzt wird, kein Gegenstand, sondern ein flüchtiges Ereignis ist? Wie und warum schätzen Menschen einen Tanz oder den Akt des Tanzens? Der Begriff „Wert“ hat eine doppelte etymologische Geschichte: Er leitet sich sowohl vom lateinischen valere ab, was stark bedeutet, als auch vom altfranzösischen valoir, das Nützlichkeit, Schätzbarkeit und ebenfalls Stärke bedeutet. Somit bezieht Wert, zusätzlich zur Bekräftigung von Stärke, die Bedingungen mit ein, unter denen etwas als nützlich oder schätzenswert angesehen werden könnte, sowie die Aussicht auf Kriterien, die bei seiner Bewertung herangezogen werden.
Untersuchungen zum Wert wurden in Disziplinen durchgeführt, die von der Anthropologie und Soziologie bis hin zur Wirtschaftswissenschaft und Philosophie reichen. Über diese Forschungsbereiche hinweg hat sich kein Konsens oder ein einheitliches Verständnis darüber herausgebildet, wie Wert funktioniert, da er entweder als das konzeptualisiert werden kann, was im sozialen Leben angemessen, gut oder wünschenswert ist, oder alternativ als das Ergebnis eines Austauschs, der festlegt, was jemand bereit ist, gegen etwas anderes einzutauschen.
Er wurde auch als Ergebnis von Sinnstiftung untersucht, etwa wenn etwas aufgrund der Verdichtung von Assoziationen, die damit verbunden sind oder darin enthalten sind, einen Wert hat, oder wenn sich Wert durch die emotionale oder intellektuelle Anstrengung zeigt, die in ein Konzept, eine Praxis oder eine Lebensweise investiert wird. Wert entsteht durch individuelle Entscheidungen, die Menschen treffen, und wird auch durch die Praktiken und Institutionen begründet, die verschiedenen Arten von Objekten und Ereignissen Bedeutung beimessen. Obwohl er allgemein als zentrales Element des menschlichen Lebens anerkannt ist, hat eine Vielzahl von Studien gezeigt, dass Wert stets kontextspezifisch ist; was an einem bestimmten Ort zu einem bestimmten Zeitpunkt und/oder für eine bestimmte Person wertvoll ist, kann unter veränderten Umständen eine andere Bedeutung erhalten. Es ist daher unerlässlich, Wert in Bezug auf spezifische Geschichten, Orte und Gruppen zu verorten, in denen er sich verwirklicht.
In dem Bestreben, eine Werttheorie zu entwickeln, anhand derer Tanz analysiert werden kann, stützt sich dieser kurze Kommentar sowohl auf Konzepte von Wert, die durch Austausch bestimmt werden, als auch auf solche, die untersuchen, wie Wert durch symbolische Kodierung entsteht, indem er in Objekte oder Handlungen eingebettet wird. Konkret betrachtet er den Moment, in dem das Tanzen von einer Person zur anderen übergeht, als einen Akt des Austauschs, der reich an symbolischen Bedeutungen ist, einschließlich jener, die mit seiner Geschichte und all der Arbeit verbunden sind, die in seine Entstehung geflossen ist. Er untersucht diesen Austausch als einen Anlass, bei dem diese Bedeutungen bestätigt und gepriesen oder herabgesetzt und verworfen werden. Da Tanz mit und für Menschen entsteht, da wir das Tanzen von anderen lernen und Tanz oft anderen präsentieren, ist die Tatsache seiner Weitergabe eines der zentralen und bestimmenden Merkmale des Tanzes. In diesen Phasen des Vermittelns und Empfangens von Tanz stellt sich die Frage nach der Äquivalenz. Warum, wann und unter welchen Umständen wird ein Tanzakt in Bezug auf Maß, Wirkung, Kraft oder Bedeutung als etwas anderem gleichwertig angesehen?
Auch wenn wir manchmal der Meinung sind, dass die Eintrittspreise für das, was die Vorstellung bot, zu hoch waren, oder dass ein*e Lehrer*in für die ihr*ihm entgegengebrachte Fürsorge und Aufmerksamkeit eine besondere Anerkennung verdient, lässt sich das, was beim Tanzen meist geschieht, weder quantifizieren noch anderweitig streng messen, und Tanzen verhält sich auch nicht wie ein physischer Gegenstand. Tanzen ist viel zu beweglich, flüchtig und reich an Assoziationen, Erinnerungen und Geschichten, um sich leicht bewerten zu lassen. Könnten Tänze dennoch, wie andere Dienstleistungen auch, gegen andere Dinge eingetauscht werden? Sie durchlaufen einen Prozess der Ausarbeitung und anschließenden Präsentation, selbst wenn diese Aktivitäten, wie beim improvisierten Tanz, im selben Augenblick stattfinden. Manchmal wird Tanz aufwendig vorbereitet, kunstvoll inszeniert und feierlich vorgetragen; ein anderes Mal wird er achtlos oder willkürlich hingeworfen. Findet bei seiner Aufzeichnung, wie formell der Anlass auch sein mag, ein Austausch statt, und wenn ja, wird dann nicht ein Wert bestimmt? Werden Handlungen nicht als sinnvoll oder unsinnig, als aufschlussreich, anmutig oder abstrus, als kraftvoll, erbärmlich, grandios, gemäßigt oder lächerlich bewertet? Haben sie nicht einen relativen Wert oder eine relative Bedeutung? Und können sie daher nicht als analog zu Objekten verschiedener Art betrachtet werden, die austauschbar sind?
Angesichts der tiefgreifenden Veränderungen in der Weltwirtschaft, die sich in den letzten rund vierzig Jahren vollzogen haben, müssen wir Tanz dringend als Teil von Austauschsystemen betrachten. Vor dieser Zeit wurde Tanz oft entweder als künstlerisches Streben verstanden, dessen Ökonomie außerhalb und jenseits der Welt des konventionellen Handels lag, oder alternativ als eine Form des Vergnügens, die den arbeitenden Körper ablenkte oder wieder auftankte. Mit dem Aufblühen der Dienstleistungsbranche und der Verfestigung einer allgegenwärtigen Kultur, menschliche Aktivität anhand ihrer Produktivität zu messen und zu berechnen, wurde jedoch sogar der Tanz in die Mechanismen der wirtschaftlichen Bewertung, des Marketings und des Austauschs integriert. Heute wird Tanz häufig als eine Form der Arbeit verstanden – ein Konzept, das mittlerweile jeden Aspekt des Lebens durchdringt – und ist Teil der globalen kapitalistischen und neoliberalen Weltordnung, die Randy Martin prägnant als „eine triumphierende Ideologie, die den Staat durch Märkte, öffentliche durch private Werte und einen liberalen Konsens durch eine konservative Hegemonie ersetzt“ beschrieb.
Es ist zudem wichtig, Tanz als Teil von Tauschsystemen zu betrachten, da Tänzer*innen begonnen haben, sich selbst als Arbeitnehmer*innen zu sehen, und da es angesichts des Wandels von Arbeit und Arbeitsplätzen zunehmend vorstellbar wird, einen Tanz gegen einen Stuhl, eine neu erstellte Website, eine Mahlzeit oder praktisch jede andere Art von Ware oder Dienstleistung einzutauschen. Da Tanz häufig als eine Form der Arbeit anerkannt wird, werden die Bemühungen der Tänzer*innen, ihr Bestes zu geben, neben einer Reihe anderer Verpflichtungen gesehen, die ein authentisches Engagement für die Arbeit ausmachen. Viele Tänzer*innen „geben nicht nur alles“, sondern sehen sich auch als Arbeitnehmer*innen, die in ein System wirtschaftlicher Beziehungen eingebunden sind, in dem ihre Leistungen auf einem Markt zirkulieren. Sicherlich gibt es zahlreiche Tanzformen und Anlässe, bei denen getanzt wird, die nicht Teil dieser globalisierten Wirtschaft sind. Eine große Zahl von Tänzer*innen, darunter solche, die in der Kultur- und Tourismusbranche, im Gesundheits- und Fitnessbereich sowie in den Medien und sozialen Medien tätig sind, wurde jedoch in diese neuen Verfahren zur Schaffung von Austausch und zur Erzielung von Gewinn hineingezogen. Die Tatsache, dass Tanz vergänglich ist, wird irrelevant, da er nun seinen Platz neben so vielen anderen Dienstleistungen einnimmt, die keine greifbaren Gegenstände liefern.
Auch wenn viele Formen der Auseinandersetzung mit dem Tanz letztlich auf wirtschaftliche Motive und den Zugang zu Privilegien zurückgeführt werden können, scheint der Tanz doch andere Formen der Hingabe und des Verlangens sowohl zu erfordern als auch hervorzubringen, die sich nicht in wirtschaftlichen Begriffen erklären lassen. Würde man den Tanz auf seine wirtschaftlichen Aspekte reduzieren, würde dies die Auseinandersetzung mit seiner Komplexität und seinem vielschichtigen Reichtum erheblich einschränken. Wie lässt sich also mit den Weisen umgehen, auf die Wert im und durch den Tanz erzeugt und ausgetauscht wird? Zwei Arten von Transaktionen – Ware und Geschenk – wurden in Disziplinen, die sich mit Wert befassen, häufig herangezogen, da sie den theoretischen Horizont der Möglichkeiten für ein Spektrum definieren, entlang dessen Austausch stattfinden kann. Beide Formen des Austauschs sind in der heutigen Welt aktiv und weit verbreitet.
Innerhalb der Warenform des Austauschs wird der Tanz auf folgende Weise genutzt: Seine Fähigkeit, Menschen zusammenzubringen, erzeugt eine Interaktivität, die auf der Autonomie jedes Einzelnen beruht; diese Individuen werden miteinander verbunden, bleiben jedoch als isolierte und unabhängige Einheiten innerhalb eines Netzwerks bestehen. Die Kommerzialisierung der Energie des Tanzes, die als kostbar und knapp gilt, erfordert eine sorgfältige Überwachung dieser Energie, gefolgt von einem strategischen Einsatz, um eine maximale Wirkung zu erzielen. Drittens werden die Formflexibilität und die räumliche Anpassungsfähigkeit des Tanzes im Rahmen der Kommerzialisierung genutzt, um den einfachen Transport des Tanzes von Ort zu Ort zu ermöglichen. Um wirtschaftlichen Gewinn zu erzielen, muss Tanz schnell und kostengünstig produziert, effizient bereitgestellt und so weit wie möglich verbreitet werden.
Im Gegensatz dazu wird die Fähigkeit des Tanzes, Menschen in Beziehung zu bringen, im Rahmen des Geschenkaustauschs zu einem Mittel, um unter allen Beteiligten eine gegenseitige Verbindlichkeit zu schaffen. Der Austausch von Geschenken verbindet Menschen nicht als isolierte Akteure, sondern als sich gegenseitig definierende und voneinander abhängige Wesen. Die Energie des Tanzes, die als reichlich vorhanden und stets verfügbar gilt, wird großzügig geschenkt und erwidert. Und schließlich wird die Anpassungsfähigkeit des Tanzes, seine wandlungsfähige Form und Funktion, gepflegt, um mit bestimmten Zeiten, Orten und Menschen in Verbindung zu treten und diese zu würdigen. Auf diese Weise ist Tanz als Geschenk nicht transportierbar, sondern bindet sich an bestimmte Gemeinschaften und wirkt innerhalb dieser, wobei er sich mit deren Ökosystemen verbindet und einzigartige Antworten auf diese entwickelt.
Ich biete diese Rubriken des Waren- und Geschenkaustauschs als Gelegenheit an, darüber nachzudenken, was Tanz ist, was er bewirkt und warum er von Bedeutung ist – und zwar durch eine Untersuchung des Wertes. Diese Formen des Austauschs sollten als zwei groß angelegte „Was-wäre-wenn“-Szenarien betrachtet werden – als eigenständige Matrizen oder hypothetische Rahmenkonzepte zur Untersuchung sozialer Beziehungen im Tanz, durch die Wert auf unterschiedliche Weise generiert wird. Gleichzeitig müssen wir davon ausgehen, dass Wert relational ist und sich ständig im Wandel befindet. Die hypothetischen Rahmen, die ich hier entwerfe, sollen keine Grenzen um den Tanz ziehen oder große Erzählungen über ihn liefern, und ich behaupte sicherlich nicht, dass sie den gesamten Tanz, alle Tänze oder das gesamte Tanzwesen erklären, sondern vielmehr, dass sie eine Reihe von Parametern vorschlagen, die einige wichtige Aspekte des Tanzes beleuchten könnten. Die Matrizen sind daher eher als eine Reihe von aufgeworfenen Fragen zu verstehen anstatt als Aussagen über den Tanz. Sie sind Schritte in einem Tanz, der noch im Gange ist.
Auszüge aus:
Valuing Dance: Commodities and Gifts in Motion. Oxford University Press, 2019
(Einleitung, S. 1–23)
- Mai-Juni 2026
- Liebe Leser*innen,
- Random Shorts
- „Es ist wichtig, dass die Freie Szene in den kommenden Jahren noch stärker zusammensteht.“
- Home sweet Home. Oder: In die Enge gedrängt
- Zurück in die Zukunft
- Kabarett der Identitäten
- Filmische Tanzmomente
- Fast vergessene Geister
- Gemeinsam, unterschiedlich, vielstimmig
- Sommer in Bewegung
- Was uns zufällt