Tanztage Berlin: 30 Jahre Berliner Tanzgeschichte
Seit 1996 bieten die Tanztage Berlin für junge Choreograf*innen einen der wichtigsten Zugänge zur Berliner Tanzszene – eine Bühne, auf der Karrieren beginnen, ästhetische Entwicklungen sichtbar werden und kulturpolitische Fragen verhandelt werden. Zum 30. Jubiläum blickt die Kulturjournalistin und ehemalige tanzraumberlin-Redakteurin Elena Philipp auf die bewegte Geschichte des Festivals, seine prägenden Persönlichkeiten und die fortwährende Herausforderung, unter prekären Bedingungen verlässliche Strukturen für den Nachwuchs zu schaffen.
Elena Philipp
Freie Kulturjournalistin
Die Tanztage sind eine Institution. 30 Jahrgänge von Tanzkünstler*innen haben sich hier in Berlin vorgestellt, ihre Karrieren gestartet oder sie als Späterstartende vorangebracht. Als ich ab 2001 in den Sophiensælen Barbara Friedrich, der Gründerin der Tanztage, zur Hand gehen durfte, standen in den ersten, kalten Januartagen (die damals noch wirklich kalt waren) die Zuschauer*innen Schlange – und jede*r fand Einlass. Obwohl der Saal längst voll schien, gab es immer noch Platz auf einem Kissen, Kante an Kante mit dem Tanzteppich, Auge in Auge mit den Tänzer*innen. Unter Gesichtspunkten des Brandschutzes heute unmöglich, förderte das Zusammenrücken eine Atmosphäre der Gastlichkeit, die Barbara wichtig war. Sogar die Suppe, die im Anschluss an Vorstellungen ausgegeben wurde, kochte die gemeinsinnorientierte Chefin selbst.
Auftaktfestival fürs neue Jahr
Traditionell eröffnen die Tanztage in Berlin das neue Jahr. Was in der ersten Festivalspielstätte, dem Pfefferberg Theater, intern als unattraktiver Termin galt, weil man als Veranstalter*in über die Feiertage arbeiten musste, erwies sich für die Tanztage als Glücksfall: Zu Jahresbeginn gab es kaum Veranstaltungskonkurrenz, das Publikum kam und auch die Presse hatte Gelegenheit, das Festival zu besuchen und zu berichten. Für die jungen Tanzschaffenden eine Chance, wahrgenommen zu werden.
Strategisch und im Austausch mit den Tanzkurator*innen der Berliner Spielstätten hatte Barbara, die ihr Münchner Angestelltendasein bei einem Elektrokonzern hinter sich gelassen hatte, um sich in Berlin in den Künsten neu zu erfinden, eine Lücke im Tanzangebot identifiziert: „Niemand programmierte unbekannte junge Choreografen“, erzählt sie im Podcast Plotting Futures Together, den Mateusz Szymanówka, der zurzeit das Festival kuratiert, mit den vier ihm vorangegangenen Leiter*innen der Tanztage aufgezeichnet hat. „Für viele der Choreografen, die damals vor allem aus den USA gekommen sind und die schon eine Karriere hinter sich hatten, war der Anfang in Berlin unheimlich schwierig“, so Barbara Friedrich.
Hier setzte sie an, mit enormem persönlichem Einsatz: Barbara klapperte die privaten Tanzschulen ab, Tanzakademie Balance 1, DIE ETAGE und DANCEWORKS berlin, besuchte den kleinen Studiengang der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch und „alle Keller, in denen irgendwie getanzt wird“. Dass 2006 das HZT ins Leben gerufen wurde, war anteilig auch ihrem Sinn für Veränderung zu verdanken: Im Podcast erzählt sie, wie die Ästhetiken der Privatschulen oft beim Modern Dance stagnierten und wie sich Berlins Tanzszene um die Jahrtausendwende in der Post-Ballett-Diskussion zwischen „Tanztanz“ und „Konzepttanz“ aufrieb. Hier andere Akzente zu setzen und den Horizont zu weiten, war ihr ein Anliegen. Dafür lud sie, trotz äußerst eingeschränkter Finanzförderung, über die Berliner Arbeiten hinaus auch Gastspiele ein.
Zu 100 Prozent ausgelastet
Strategisch sichtete Barbara Friedrich, strategisch stellte sie ihr Programm zusammen. Aus Gründen der Aufmerksamkeit, die sie stets auf die Künstler*innen lenkte, programmierte Barbara am Eröffnungsabend jeweils drei Stücke – „für jeden etwas dabei“, lautete das Motto. So schuf die autodidaktische Tanzkuratorin mit den stets offenen Armen und dem tanzideologisch nicht festgelegten Programm eine Fangemeinde für ihr Festival, das sich, trotz anhaltender Finanzunsicherheit, etablierte. Treues Publikum kommt auch heute noch immer wieder, neugierig auf die Auswahl und die diversen Ästhetiken. Die Nachwuchschoreograf*innen bringen ihre eigenen Fans, Freund*innen und Communitys mit, sodass den Tanztagen organisch immer neues Publikum und neue Perspektiven zuwachsen. Die Tanztage kennen eigentlich nur eine Auslastungsquote – 100 Prozent.
Doch wie schon erwähnt, bedeutet im Berliner Tanz eine „Institution“ zu sein, keine Garantie für ein gesichertes Weiterbestehen; vielmehr handelt es sich meist um eine zwar ständige, aber auch ständig prekär finanzierte Einrichtung. (Etwas, das man nach all den Jahrzehnten an beharrlichem Lobbying vonseiten der Szene immer noch und derzeit wieder verstärkt betonen muss.) Auch als etablierte „Institution“ müssen Tanzangebote um ihre Finanzierung bangen, diese in Happen beantragen und stückweise zusammenklauben.
Anfangs, mit nur 5.000 DM vom Bezirk Pankow gefördert, waren die Tanztage ein DIY-Festival. Rasant haben sie sich professionalisiert. 2001 vom Pfefferberg an die Sophiensæle umgezogen, noch als eigenständige organisatorische Entität, sind die Tanztage seit 2016 Teil des Sophiensæle-Budgets. 2017 gab es einen finanziellen Schub, seither beträgt der Etat 120.000 Euro. Für eine produzierende Plattform mit 22 bis 25 Vorstellungen ist das aufgrund der Kostensteigerungen mittlerweile viel zu wenig. Mindestens 250.000 Euro versuchen die Sophiensæle zusätzlich zu ihren strukturellen Kosten für eine Ausgabe zusammenzubekommen, durch Anträge beim Hauptstadtkulturfonds oder der Spartenoffenen Förderung.
Doch immer wieder steht in Frage, ob das Festival wie geplant stattfinden kann. Nachdem die Coronapandemie die Planung von Mateusz Szymanówkas ersten Ausgaben erschwert hatte – mit einem Plan B war es nicht getan, bis Plan D liefen die Kontingenz-Maßnahmen –, ergab sich für die Ausgabe 2025 dann sogar ein halbierter Etat: Verspätete Förderentscheidungen und eine Haushaltssperre erwischten die Tanztage frontal. Statt Gruppenstücken gab es wieder kleinere Formate – ein altes Problem im strukturell unterfinanzierten Tanz –, und statt Premieren viele Wiederaufnahmen. Wie soll ein Festival für Künstler*innen in einer fragilen Karrierephase unter diesen Bedingungen ein*e verlässliche*r Partner*in sein?
Im Dienst der Künstler*innen
Mit wie viel Sorgfalt, Kenntnis und Zugewandtheit das Programm der Tanztage trotz der Prekarität stets entstanden ist, zeigen Mateusz Szymanówkas Podcast-Gespräche mit Barbara Friedrich und ihren Nachfolger*innen Inge Koks, Peter Pleyer und Anna Mülter. Jede*r von ihnen trug seine*ihre eigene Farbe auf die Palette der Tanztage auf, aber sie alle stellten sich in den Dienst der Künstler*innen.
Inge Koks, die Barbara Friedrich 2005 beim Spring Dance Festival (heute Performing Arts Festival SPRING) in Utrecht kennengelernt hatte und der die Gründerin 2005 das Festival übertrug, brachte als Niederländerin den internationalen Blick mit. „Ich weiß, dass es immer noch schwer ist, aber damals war es für die Macher*innen extrem aufreibend, ihre Arbeit zu machen, sie weiterzuentwickeln und genug Aufmerksamkeit dafür zu bekommen“, formulierte Koks 2021 im Plotting Futures Together-Podcast ihre Einschätzung der Berliner Tanzszene kurz nach der Jahrtausendwende. „Ich war sehr beeindruckt von der Ausdauer und dem Antrieb dieser Leute, weiterzumachen.“ Auch das Publikum und sein Interesse an Newcomer*innen begeisterten sie.
Entsetzt aber war sie von der Unterfinanzierung: „Es gab vielleicht 1.000 Euro, die für die Kostüme aufgewendet wurden, aber kein Geld, um die Künstler*innen zu bezahlen.“ Die Künstler*innen auch finanziell zu fördern, war daher das größte Anliegen von Inge Koks, und mit einem bewilligten Antrag auf Basisförderung der Senatskulturverwaltung Berlin stellte sie das Fortbestehen der Tanztage sicher. Der Finanzmangel, der auch ihre eigene Honorartätigkeit zu einer prekären Angelegenheit machte, veranlasste sie allerdings schon nach zwei Jahren dazu, zurück in die Niederlande zu gehen.
Kulturpolitische Fort- und Rückschritte
Peter Pleyer, der Nachfolger von Koks, ging mit der Unterfinanzierung offensiv um: Im Programmbooklet seiner dritten Tanztage-Ausgabe 2009 druckte er die jeweilige Fördersumme und daneben die für eine Produktion aufgewendete Zeit ab – „peinlich“ für die Fördergebenden, nennt er es im Podcast, denn nun konnten alle sehen, dass die Choreograf*innen quasi unbezahlt für ihre große Chance arbeiteten. Aber während Pleyers Tanztage-Zeit von 2007 bis 2014 begannen die Bemühungen der Berliner Tanzszene, sich koordiniert für Verbesserungen einzusetzen, Erfolge zu zeitigen.
Im Jahr 2000 hatte sich der Verein Zeitgenössischer Tanz Berlin (ZTB) gegründet, 2004 folgte das Netzwerk TanzRaumBerlin – die Tanzszene rückte zusammen. 2018 gipfelte das Engagement im Modellprojekt „Runder Tisch Tanz“. Die Unterfinanzierung, der Mangel an Probenräumen, das Fehlen von Förderinstrumenten für den Nachwuchs, all das wurde zum kulturpolitischen Thema – und vieles verbesserte sich. Im Tanztage-Segment gibt es nun etwa eine Einstiegsförderung, es gab Stipendien und Residenzen. Doch diese Ergebnisse sind aktuell akut bedroht, eingefroren oder gar rückgängig gemacht. Dass die Berliner Tanzszene, für Jahrzehnte in Europa bewundert, derzeit erneut in die Prekarität zurückrutscht, ist eine kulturpolitische Katastrophe.
Als Dramaturg, Tänzer und Choreograf lag das Augenmerk von Peter Pleyer stark auch auf dem Produzieren. War Netzwerken das A und O bei Barbara Friedrich gewesen und Kollaboration ein Thema von Inge Koks, ging es bei Peter Pleyer um die Community, etwas, das er beruflich lebte, noch bevor der Begriff kursierte. Als versiertes Outside Eye und Dramaturg für zahlreiche Künstler*innen war er auch den Festivalgründer*innen aufgefallen: Benjamin Schälike, der langjährige Arbeitspartner von Barbara Friedrich, der als technischer Leiter mit Programmverantwortlichkeit bei den Tanztagen junge Künstler*innen in Bezug auf Ton, Licht, Bühne professionalisierte, hatte Pleyer als Tanztage-Leiter vorgeschlagen. Mit dem in Arnheim, Niederlande ausgebildeten Choreografen und Tänzer hielten auch queere Ästhetiken verstärkt Einzug, ein heute nicht mehr wegzudenkendes Merkmal der Berliner Tanzszene – und ein Kontext, in dem sich Peter Pleyers Nachfolger*innen Anna Mülter und Mateusz Szymanówka ganz selbstverständlich beweg(t)en.
Barrierefreiheit fördern
Anna Mülter, die die Tanztage 2015 übernahm, war die erste durch eine Ausschreibung berufene Leitung. Wie Barbara Friedrich ist sie Autodidaktin im Feld des Tanzes. Und wie ihre Vorgängerin verschaffte sie sich mit unermüdlichen Veranstaltungsbesuchen den Überblick über die Tanzlandschaft und erwarb das Vertrauen der Künstler*innen. Im Geiste Barbara Friedrichs identifizierte Anna Mülter eine Lücke im Angebot und machte sich daran, diese mit beharrlichem Einsatz zu schließen. Ihr war es um Barrierefreiheit zu tun und um Arbeitsmöglichkeiten für Tänzer*innen und Choreograf*innen mit Behinderung, deren Fehlen im Betrieb erst langsam ins Bewusstsein rückte.
Intern gab sie dem Festival zudem eine Frauenquote: Anna Mülter zählte die Genderverhältnisse der letzten HZT-Jahrgänge durch und programmierte bei den Tanztagen zu zwei Dritteln Choreografinnen, um die Bedingungen der Ausbildung widerzuspiegeln. Ein internationaler Showcase mit je einem Länderschwerpunkt ermöglichte den Blick über den Tellerrand: Die Tanztage dehnten sich aus, wurden zu einem eigenständigen Festival mit Rahmen- und Diskursprogramm sowie kulturpolitischer Vorbildwirkung.
Fortschritt unter Druck
Nach der Ausweitung war es Mateusz Szymanówka darum zu tun, wieder einen etwas intimeren Rahmen zu schaffen. Vor allem wollte er die Nachwuchskünstler*innen vor brutalen „Top oder Flop“-Beurteilungen schützen. Er verlängerte den Festivalzeitraum und ermöglichte durch das entzerrte Programm bessere Bedingungen für Proben und technische Einrichtung. Die dramaturgische Begleitung der Produktionen sichert die Qualität; Einladungen direkt von der Berliner Nachwuchsplattform zu internationalen Festivals oder zur Tanzplattform zeigen, dass die Tanztage fest im Kalender von Kurator*innen stehen.
All diese positiven Entwicklungen geschahen auch seit Mateusz Szymanówkas Amtsantritt 2020 unter externem Druck: Er startete unter Pandemiebedingungen, nun sind die Kürzungen das Thema. „Schon vor den Kürzungen gab es null Nachhaltigkeit“, sagte Szymanówka vor den Tanztagen 2025 im Interview. „Im Moment sind aber auch die individuellen Biografien der Künstler*innen gefährdet. Viele vermieten ihre Wohnung oder ihr Studio, weil sie nicht genug Geld haben, um in Berlin zu leben. Andere verlassen die Stadt ganz. Als Mentor weiß ich immer weniger, was ich jungen Künstler*innen raten soll.“
Sein Job lässt sich nur mit einem unbedingten Glauben an die Tanzkunst und ihr spezifisches Vermögen, aktuelle gesellschaftliche Fragen zu bearbeiten, sowie mit einer großen Leidenschaft für das Format Festival und dessen nachhaltige Bedeutung machen. Auf individuellem Einsatz beruhen die Tanztage seit 30 Jahren. Sie bieten Raum und Zeit für junge Choreograf*innen und sind eine Institution für die ästhetische Forschung an unserer Zukunft. Davon braucht es mehr statt weniger. In diesem Sinne: auf die nächsten 30 Jahre!
Dieser Text ist in Kooperation mit den Sophiensælen für die Publikation Sophiensæle Forever entstanden.
Tanztage Berlin
08. – 24. Januar 2026
www.sophiensaele.com
- Januar-Februar 2026
- Liebe Leser*innen,
- Random Shorts
- Anja Goette (1978 – 2025)
- Soziale Choreografien der Gefühle
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