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Tanzbüro Berlin Workshop:
Danceдіалог
“Die Berliner Förderlandschaft verstehen”
Termin: 29.01.2026 | 10.30-13.30 Uhr 

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Ausgabe Januar-Februar 2026

Soziale Choreografien der Gefühle

Dragana Bulut. Foto: Marta Popivoda

In ihrem Forschungsprojekt Social Choreographies of Emotion untersucht die Choreografin Dragana Bulut, wie unsere Gefühlswelten von gesellschaftlichen Kräften geformt, gelenkt und ökonomisiert werden. Ausgehend von alltäglichen sozialen Formaten entwickelt sie performative Situationen, in denen das Publikum zugleich Teilnehmende und Beobachtende wird – und so die unsichtbaren Choreografien erkennt, die Glück, Angst, Liebe und Nostalgie prägen. In diesem Text gibt Dragana Bulut Einblicke in ihre künstlerische Praxis, ihre Methoden und die politischen Dimensionen ihre langjährigen Recherche.

Dragana Bulut
Choreografin, Performerin, Künstlerin und Forscherin

Im Mittelpunkt meiner Forschungsarbeit, Social Choreographies of Emotion, steht die Überzeugung, dass Choreografie weit über die Bühne hinausgeht. Sie entfaltet sich im alltäglichen Leben, wo unsere Bewegungen, Entscheidungen und Affekte ständig – oft unsichtbar – von dominanten Ideologien choreografiert werden. Ich betrachte das Theater nicht in erster Linie als einen repräsentativen Raum, sondern als einen Ort sozialer Zusammenkunft: eine temporäre Gemeinschaft, in der die gemeinsame Aufmerksamkeit soziale Konstruktionen wahrnehmbar macht. In den letzten fünfzehn Jahren habe ich in meiner Arbeit mit diesen Konstrukten gespielt und sie kritisch untersucht, um zu erforschen, wie sie die Art und Weise, wie wir leben, in Beziehung treten und fühlen, choreografieren.

Dieses Projekt untersuchte die Kommerzialisierung von Emotionen durch die Linse der sozialen Choreografie. Es konzentrierte sich auf Glück, Liebe und Angst und untersuchte, wie diese affektiven Zustände in der zeitgenössischen kapitalistischen Gesellschaft choreografiert werden – zum Beispiel, wie Glück zu etwas wird, das es zu optimieren gilt, oder Angst zu etwas, das man manipulieren kann. Ich habe auch nach Möglichkeiten gesucht, aus diesen Mustern auszubrechen und alternative affektive Praktiken zu schaffen. Im Grunde fragte ich, ob soziale Choreografie als Reflexionsmethode funktionieren kann, um die Mechanismen sichtbar zu machen, die unsere Subjektivität und unser Gefühlsleben choreografieren. Die Forschung gipfelte in einem Buch mit demselben Titel, das die Ergebnisse, Methoden und künstlerischen Untersuchungen zusammenfasst.

Ich habe mich auf drei Themen konzentriert: wie die heutige Glückskultur von Ideen der positiven Psychologie geprägt ist, wie eine zunehmende Betonung von Sicherheit unser Erleben von Angst beeinflusst und wie neue Technologien und das digitale Leben die Art und Weise verändern, wie wir Liebe erleben. Die Forschung brachte Erkenntnisse aus der Soziologie, der Psychologie und der Technologie zusammen, blieb aber immer nah an den gelebten, alltäglichen Erfahrungen. Mein Verständnis von Emotionen orientiert sich an Sara Ahmeds Affekttheorie, die davon ausgeht, dass Emotionen keine psychologischen Zustände sondern kulturelle Praktiken sind. Gleichzeitig beziehen sich meine Arbeitsverfahren auf die Psychologie und den therapeutischen Diskurs der Selbsthilfe und des Lebenscoachings – Bereiche, die das heutige Gefühlsleben und den Mainstream-Horizont des Verständnisses von Emotionen maßgeblich prägen.

Methodisch greife ich auf etablierte soziale Formate zurück – Speed-Dating, Life-Coaching-Seminar, Sicherheitsverfahren, Auktion – und überführe sie in performative Kontexte. Das Publikum wird Teil dieser Verhandlung und oszilliert zwischen realer sozialer Teilhabe und performativer Fiktion. Als ich zum Beispiel in Beyond Love das Format des Speed-Datings auf das Theater übertrug, gingen Fremde, die sich während der Aufführung trafen, oft echte Beziehungen ein. Einige wurden nach der Aufführung zu Liebespaaren, andere zu Freund*innen oder sogar zu kleinen Gruppen, die sich noch lange nach der Aufführung trafen. Sogar innerhalb des fiktiven Rahmens des Theaters kann etwas sehr Reales passieren – Menschen treffen sich, gehen eine Verbindung ein und manchmal gehen diese Beziehungen weit über die kurze Zeit hinaus, die wir miteinander verbringen. In diesen Momenten tritt das Publikum nicht nur als Zuschauende auf, sondern als Teilnehmende, die die Erfahrung der Performance mitgestalten. Gemeinsam schaffen sie eine temporäre Gemeinschaft, die die sozialen Choreografien des täglichen Lebens leichter sichtbar macht.

Meine jüngste Arbeit Remake setzt diesen Weg fort, indem sie den Fokus auf Choreografien der Nostalgie verlagert. Ausgehend von meinen eigenen jugoslawisch-nostalgischen Gefühlen inszeniert die Performance eine spekulative Wiederaufführung der kollektiven freiwilligen Jugendarbeitsaktionen in Jugoslawien – Initiativen, die Tausende von Jugendlichen zum Aufbau öffentlicher Infrastrukturen mobilisierten. Was passiert, wenn die alten Ideologien der kollektiven Arbeit auf neuen Boden verpflanzt werden? In Remake wird die Bühne zu einem Filmset, in dem das Publikum als Statist auftritt und eingeladen wird, mitzuarbeiten, einen Beitrag zu leisten und diese vergangenen Choreografien der Solidarität neu zu inszenieren. Was einst zum Narrativ des sozialistischen Fortschritts gehörte, wird hier als eine Praxis des Erinnerns und der Neuinterpretation dessen, was uns heute verbindet, neu zusammengesetzt. Nostalgie ist hier keine sentimentale Sehnsucht nach der Vergangenheit, sondern eine kritische Linse, die ihre Widersprüche und Möglichkeiten untersucht.

www.draganabulut.com

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