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Ausgabe September-Oktober 2026

M/Wuttänze

Sechs Tanzstile zwischen Wut und Mut

Stampfen, steppen, walzen gegen Rechtsruck und soziale Spaltung? Es gibt viele Arten, gegen die Gleichgültigkeit anzutanzen. Thusnelda Marín Jungmann schlägt in diesem Glossar gleich sechs mutige und wütende Tanzstile gegen Ohnmacht und Resignation vor – Ausprobieren ist ausdrück-lich erwünscht! Der Tanz wird Werkzeug für Veränderung.

Thusnelda Marín Jungmann
Performer*in, Dramaturg*in und Journalist*in

① Angry-TikTok-Dance, der → eng.: to tiktok angry = eigene Wut in 50 Sek. choreografieren

ist seit dem Social-Media-Zeitalter ein digitales Ventil, um durch melancholische Loops, leichte Shakes und kontrollierte Eskalation angestautem Ärger nach einem langen (Arbeits-)Tag eine Form zu geben und mit anderen in Kontakt zu treten. Die Bewegungsausführung beginnt mit einem Rütteln, um die Wut zu aktivieren, geht dann über in ein leichtes Headbanging, um Mental Pressure zu dämpfen, und entlädt sich schließlich in Jumps, die die überschüssige Energie kanalisieren. (Quelle: TikTok @mari.bsh)

 

② Stepptanz, der → eng.: to step = treten

entwickelte sich Ende des 19. Jahrhunderts in den USA aus afrikanischen Rhythmen und dem irischen Stepptanz und eignet sich als akustischer Akt der Selbstbehauptung. Metallplatten unter den Schuhen verwandeln jeden Schritt in ein Argument. Entweder irischer Stil: aufrecht, Brust raus, keine Kompromisse im Fuß – oder für People Pleaser im Broadway-Stil: charmant lächelnd und dennoch von scharfer Präzision. Und manchmal liegt zwischen Mut und Wut nur ein shuffle-di-stamp, um nach oben zu treten.

 

③ Langsamer Walzer, der→ dt.: walzen = sich drehen, rollen

gehört seit den 1920er-Jahren zu den klassischen Standardtänzen: klare Linien, permanente Kontrolle, intime Nähe. Scheinbar harmlos, doch genau darin liegt sein Widerstandspotenzial: Wer führt? Wer folgt? Wer entscheidet über Tempo und Richtung? Ein Charakteristikum ist die leichte Neigung des Oberkörpers meist zu einer bestimmten Seite. Wird der rechte Schiefstand der Körperachse zu dominant, kann die führende Person versuchen, die Balance nach links zu verlagern. Denn Mut zeigt sich hier im Aushalten von Intimität, im bewussten Brechen der fließenden Perfektion: Wut als langsames Drüberwalzen.

 

④ Waacking, das→ eng.: to whack = kraftvoll zuschlagen

entstand in den 1970er-Jahren in queeren Clubs von Schwarzen und Latinx Communities in Kalifornien und verbindet Pose, Drama und Geschwindigkeit. Punking, hyperdramatisches Storytelling, greift Gesten von Filmdiven auf und überspitzt sie zu einer mutigen Attitude. Dann: Waack-Attack – rotierende Arme wie Peitschenhiebe, Emotion als choreografierter Angriff. Waacking ist nicht nur Stil, sondern – gerade für marginalisierte Personen – Strategie: Sichtbarkeit herstellen, das Gegenüber charmant anlocken und im nächsten Moment den Feind mit einem Nunchuck niederstrecken.

 

⑤ Dabke, der → arab.: dabaka = stampfen

wurde 2023 als traditioneller palästinensischer Tanz von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe anerkannt. Ursprünglich beim Lehmbau benutzt, um das Baumaterial durch gemeinsames Stampfen zu verdichten, wird heute ein anderer Boden bereitet: Hand in Hand, Schulter an Schulter kann im kollektiven Rhythmus Wut als Widerstand Ausdruck finden. Oder wie es die Berliner Gruppe Yalladabka beschreibt: Dabke ist eine geteilte Sprache, die Menschen über Herkunft und Alter hinweg verbindet und Räume für Vertrauen, Dialog, Freude und Zugehörigkeit öffnet.

 

⑥ Pogo, der → eng.: to pogo = sich stoßend springen

ist Ende der 1970er-Jahre in England als Anti-Disco-Tanz im Musikgenre Punk geboren: Pogo ist der Versuch, durch entfesseltes, unrhythmisches In-die-Luft-Springen Energie nicht zu kontrollieren, sondern loszuwerden. Doch auch im Moshpit gilt ein Ehrenkodex: Rücksicht im Chaos. Rauere Unterkategorien mit noch mehr Körperkontakt inklusive Blessuren finden sich im Slamdancing oder der Wall of Death. Für vorsichtige Gemüter, die dem Ehrenkodex noch nicht trauen, empfiehlt sich: Erst einmal alleine auf dem Pogo-Stick üben!

 

Thusnelda Marín Jungmann studierte Szenische Künste in Hildesheim und Musical in Osnabrück. Thusnelda lebt als freiberufliche*r Performer*in, Dramaturg*in und Journalist*in in Köln und beschäftigt sich in deren Masterarbeit der Tanzwissenschaft mit künstlerischer Audiodeskription.

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