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Tanzbüro Berlin Workshop:
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“Die Berliner Förderlandschaft verstehen”
Termin: 29.01.2026 | 10.30-13.30 Uhr 

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Ausgabe Januar-Februar 2026

Lob der Nacktschnecke

Bild: Matt A auf Pexels

Die Nacktschnecke gehört zu den unbeliebtesten und zugleich unterschätztesten Tieren. Dieser Text soll eine Lobrede auf diese verletzlichen Tiere sein. 

Körper von Nacktschnecken sind weich und länglich, mit jeder Bewegung verändert sich ihre Form. Doch der Ekel vor ihnen entsteht maßgeblich aufgrund ihrer schleimig-glitschigen Existenz. Ich möchte mich hier nicht ausnehmen; obwohl ich einen soft spot für Nacktschnecken habe und diese queeren Tiere bewundere (sucht mal nach „slug sex“ bei Youtube, ihr werdet begeistert sein), lösen sie auch bei mir manchmal einen Ekelreflex aus.

Doch diese Reaktion erzählt weniger über die Nacktschnecke als über unsere Kultur und ihre Sehnsucht nach klaren Formen, festen Grenzen, beherrschbaren Körpern. Die Nacktschnecke, die kein Gehäuse besitzt, dafür umso mehr Schleim produziert, verweigert sich genau dem. Sie gehört zu dem, was Georges Bataille das Formlose nennt – Materie, die sich Ordnungen entzieht, Kategorien unterwandert, die weder fest noch flüssig ist, ohne Grenze oder Kern. Diese Verweigerung stößt uns ab und es mag irritieren, doch dieses Glitschige ist näher an unseren eigenen Körpern, als uns lieb oder gar bewusst ist. 

Schleim glänzt, glitzert, dehnt sich, verbindet, verschmiert, macht Übergänge sichtbar und verändert, wie Bewegung überhaupt möglich ist. Auf glitschigen Oberflächen kann man leicht (aus)rutschen; versucht man das zu verhindern, verlangsamt sich jeder Schritt, doch es kann auch plötzlich ganz schnell gehen. Besonders im Winter lässt sich das gut beobachten: Manche tasten sich vorsichtig über vereiste Flächen, andere schlittern spielerisch darüber. Die Nacktschnecke dagegen bewegt sich tastend und spürend durch ihre eigene, feucht schimmernde Spur. Ihre Schleimspur ist kaum groß genug, um uns Menschen ins Rutschen zu bringen, doch für sie selbst ist ihr Schleim zugleich Fortbewegung und Schutz (ihr Bewegungsschleim ist gleitfähig, während ihr Abwehrschleim zäh und klebrig ist). Schleim kann Spielraum sein: So verändert Geschwindigkeit ihre Bedeutung, der Balance geht es nicht mehr bloß um die Beherrschung der aufgerichteten Achse, es entstehen klebrig-neue Verbindungen, die nicht statisch sind, an denen gezogen oder denen sich hingegeben werden kann. Tanz kann dies anerkennen und ästhetisch vermitteln, dass ein Körper nicht feste Form ist, sondern ständiges Werden, Verbinden, Verformen oder auch Auflösen.

Die Nacktschnecke hat kein Haus oder harten Panzer, sie kann sich nicht verstecken. Manche haben jedoch Relikte ihres Gehäuses in sich bewahrt, bleiben so ihrem Zuhause verbunden und leben dennoch dauerhaft im Exil. Nehmen wir uns die Nacktschnecke zum Vorbild. Denn Verletzlichkeit zuzulassen, kann eine Bewegung ermöglichen, die spielerisch und experimentell ist: Das formlos Glitschig-Gleitende entwirft ein radikal neues Bild von Bewegung, das die Vollendung von Form aufhebt und Materialität sichtbar macht. Es ist nicht bloß Verweigerung, sondern die produktive Kraft des Negativen.

 

Text: Alina M. Saggerer ist Tanzwissenschaftlerin an der Freien Universität sowie dramaturgisch und journalistisch tätig.

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