Home sweet Home. Oder: In die Enge gedrängt
Was bedeutet es, als Tänzerin in einer zunehmend prekären Landschaft zu arbeiten – und wann ist der Punkt erreicht, an dem ein Neuanfang unausweichlich erscheint? Die Tänzerin und Choreografin Johanna Lemke schreibt für tanzraumberlin tagebuchartig und eindrücklich über die Spannungen zwischen künstlerischer Praxis, ökonomischem Druck und familiärer Verantwortung. Zwischen internationalen Engagements und fehlender struktureller Sicherheit in Berlin zeichnet sie das Porträt einer Branche, die Akteur*innen an ihre Grenzen bringt, und erzählt zugleich von der Suche nach neuen Wegen, ohne den Tanz aufzugeben.
Johanna Lemke
Tänzerin und Choreografin
16. Februar 2026
Heute ist so ein Tag des Zweifelns. Mache ich den größten Fehler, oder ist es klug, eine Umschulung zu beginnen? Mein erster freier Tag seit vielen Wochen. Ich liege im Bett während meiner Residenz in Angers. Es ist das dritte Zimmer in dieser Woche. Am Montag bin ich um 5:30 Uhr in den Zug gesprungen und zur Probe an den Kammerspielen in München gefahren, um anschließend weiter zur Comédie de Genève nach Genf zu reisen, für den Club Amour-Abend von Boris Charmatz und dem Pina-Bausch-Ensemble. Ich tanze dort das Duett Herses mit Boris Charmatz. Wir haben zwei Vorstellungen pro Abend, insgesamt sechs Vorstellungen plus Generalprobe, bevor ich weiter nach Frankreich reise. Ich bin momentan so gut wie gar nicht zu Hause. Man könnte sagen, es läuft ausgezeichnet.
Während der Vorstellung von Café Müller telefoniere ich mit Thomas Ostermeier und bespreche mit ihm, ob er mich nicht doch ins Ensemble der Schaubühne aufnehmen könnte. Ich arbeite dort seit 2009 als Gast, habe mit Falk Richter, Constanza Macras und Katie Mitchell gearbeitet. Er sagt, er würde mich so gerne aufnehmen, aber bis Oktober wird das nicht klappen. Ich warte seit Jahren. Tanz hat scheinbar keinen Platz in Berliner Theatern, aber in fast jeder Produktion wird aus der Freien Tanzszene geschöpft. Das letzte Angebot der Schaubühne war dann, eine Art Trainerin für die Produktion von Michael Talheimer zu sein, um im Keller und ohne Kontakt zum Regisseur, der Schauspielerin mein Material aus meiner Arbeit PunkDrumLove mit Eli Cohen und Almut Lustig beizubringen. Ich war schockiert und fühlte mich wertlos gemacht.
Die Volksbühne, an der ich, seit ich 14 Jahre alt bin, als Gast tätig war, wollte mich nach meinem Gespräch mit Matthias Lilienthal auch nicht fest anstellen. Und irgendwie sei mein Lebenslauf auf dem Schreibtisch des Gorki gelandet – doch auch von dort hat sich niemand bei mir gemeldet.
Ich wünsche mir eine Festanstellung oder irgendeine Sicherheit nach all den Jahren professioneller Berufstätigkeit – um einen soliden Stand in Berlin zu haben, um hier mit meinen Kindern als Tänzerin, Performerin und Choreografin zurechtzukommen. Aber es will mir nicht gelingen. Seit Jahren bin ich am Kämpfen und spüre nun ein K.-o.-Gefühl in mir aufsteigen. Ich hätte in Wuppertal fest arbeiten können. In Frankreich könnte ich so viel arbeiten, dass ich uns alle ernähren könnte. Ich arbeite und arbeite, mache großartige Projekte – aber alles außerhalb von Berlin. Seit 25 Jahren lebe ich so, und mir sitzt ununterbrochen das Gefühl im Nacken, eine schlechte Mutter zu sein, weil ich dauernd wegmuss. Durch die Kürzungen in Berlin ist es so gut wie unmöglich geworden, Stücke zu entwickeln und mein Team zu bezahlen. Ich kann es mir nicht mehr leisten, in Berlin Choreografien zu entwickeln. Es erscheint mir inzwischen wie ein Luxus oder wie ein zu teures Hobby.
Meine Entscheidung war daraufhin, Hebamme zu werden oder in die Geburtsmedizin zu gehen. Warum auch immer, sehe ich dort eine Verbindung zum Tanz. Vielleicht liegt es daran, dass bei der Geburt meiner Tochter die Hebamme beschlossen hatte, mich durch die Geburt tanzen zu lassen – und ich absolut begeistert von ihr war. Sie war eine große Inspiration, eine junge Frau aus einem anderen Holz. Sie hat mich erkannt und mich inspiriert. Leider ist das Hebammenstudium nur mit Abitur möglich, und der Beruf ist dazu ebenfalls bedroht. Um in die Medizin zu gehen, müsste ich entweder die Abendschule besuchen oder einen Pflegeberuf lernen. Also habe ich beschlossen, eine Pflegeausbildung am Vivantes-Klinikum zu machen. Mit 43 Jahren werde ich zwischen 16-Jährigen sitzen, obwohl ich mitten im Berufsleben stehe. Mir wird direkt angeboten, einen Arbeitsvertrag zu unterschreiben. Leitungsposition: Ja, schon mal gemacht. Teamarbeit: ja. Körperkontakt: kein Problem. Menschen: Ja, mag ich. Ich werde im Oktober starten, die Fotografin und Kamerafrau Mayra Wallraff wird meinen Weg dokumentarisch begleiten. Ich bin nicht sicher, ob ich es schaffe. Die Pflege ist ein hartes Pflaster. Ich werde direkt in der Psychiatrie starten und am Urbankrankenhaus in Kreuzberg arbeiten. Bezahlt werde ich von Vivantes, es ist ein dualer Ausbildungsplatz. Der Weg wäre, nach der dreijährigen Pflegeausbildung noch ein dreijähriges Hebammenstudium dranzuhängen. Oder Medizin? Parallel ist mein Plan, weiterhin zu tanzen – im Ausland, eine Produktion pro Jahr. Ich weiß, dass dieser Plan sehr ambitioniert ist. Ich kann mir nicht vorstellen, nicht mehr zu tanzen. Meine Identität ist durch die momentan so angespannte Lage in der Tanzszene und all die damit verbundenen Fragen in eine Krise geraten. Ich fühle mich, als würde ich mich auflösen. Ich bin mit jeder Zelle Tänzerin. Tanz ist für mich alles! Doch ich schaffe es nicht mehr – obwohl ich es viele Jahre geschafft habe –, mein Familienleben in Berlin mit der Arbeit zu verbinden. Ich sehe keine andere Wahl, als umzuschulen. So klein und krumm, wie ich mich gerade fühle, habe ich dennoch die Hoffnung, einen neuen Beruf dazuzugewinnen und vielleicht sogar künstlerisch daraus schöpfen zu können. Die Welt ist grausam, und vielleicht ist das jetzt mein kleiner Beitrag, um etwas Gutes zu tun. Mich interessiert neben der Geburtshilfe und der Medizin auch die Sterbebegleitung. Auch die Psychiatrie hat ihren Reiz. Alle vier Bereiche interessieren mich auch künstlerisch.
Ein Tanzhaus würde vieles ändern. Es könnte uns Tanzkünstler*innen besser in dieser Stadt verankern und uns mehr Sichtbarkeit geben. Aber das will Berlin aus irgendeinem Grund nicht. Das deprimiert mich. Tanz ist so viel mehr als Entertainment, aber ich bin müde, zu erklären, was Tanz alles ist. Interessant ist, dass viele aus dem Tanz in soziale, politische und medizinische Berufe wechseln. Vielleicht erklärt das, was Tanz ist und warum er nicht zerstört werden darf. Ich bin jedenfalls erschüttert über diesen Wandel in Berlin. Eine Stadt, die einmal offen, erfinderisch und wild war. Ein Zufluchtsort für viele Menschen. Diese Stadt gibt es nicht mehr.
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