Glücksfälle gestalten
Was passiert, wenn Modedesign Kontrolle abgibt und dem Zufall Raum lässt? Der Künstler, Modedesigner und Kostümbildner Michiel Keuper schreibt für tanzraumberlin über Gestaltungsprozesse zwischen Mode, Kostüm und Tanz. Ausgehend von handwerklicher Praxis, kollaborativen Arbeitsweisen und choreografierter Unvorhersehbarkeit beschreibt er Design als ein offenes System, in dem Bewegung, Improvisation und Kontext das Erscheinungsbild mitformen. Ein persönlicher Einblick in eine Praxis, die Mode nicht als fertiges Bild, sondern als lebendigen Prozess versteht.
Michiel Keuper
Künstler, Mode- und Kostümdesigner
Seit ich sieben Jahre alt war, überforderte ich meine Mutter, eine engagierte Heimnäherin, mit meinen immer höheren Ansprüchen an meine Kleidung und sehr genauen Anweisungen. Als ich etwa neun Jahre alt war, ging es so weit, dass sie die Nadel fallen ließ und sagte: „Wenn du so genau weißt, was du willst, dann mach es doch selbst!“ Von da an gehörte die Nähmaschine mir, und kein Vorhang und kein Bettlaken in unserem Haus blieb von meiner Selbstverwirklichung verschont.
Als ich mich mit achtzehn Jahren an der Kunsthochschule einschrieb, um Mode zu studieren, wusste ich zwar, wie man schneidet und näht, aber ich wusste nicht viel über Design. Ich wusste auch nicht viel über Mode. Soziale Medien gab es noch nicht, und Mode war noch nicht in Mode und nicht so allgegenwärtig wie heute. Nach und nach lernte ich, zwischen Technik, also dem Handwerk, und Mode zu unterscheiden, bei der es letztlich um Bilder und Geschichten geht.
Bei der Mode geht es auch sehr stark um Kontext. Nach dem Studium habe ich mit einem Freund ein Label gegründet. Das erste, was wir uns fragten, war: „Was braucht die Mode jetzt?“ Wir waren der Meinung, dass die Mode zu dieser Zeit, wir sprechen von den späten 1990er Jahren, zu kommerziell ausgerichtet war: Fast Fashion war auf dem Vormarsch, und es wurde immer mehr vom Gleichen produziert. Wir wollten eine neue Sichtweise auf die Mode vorschlagen, indem wir zu den Ursprüngen der Couture zurückkehrten – als freier Ort der Erfahrung, als Ideenlabor.
Wenn ich heute Kostüme für den Tanz entwerfe, ist mein wichtigster Leitfaden neben dem thematischen Ausgangspunkt und der Funktionalität immer noch die Frage: Was will das Stück? Was braucht es? Es geht nicht nur darum, „schöne“ Dinge zu machen. Oft entsteht am Ende etwas völlig anderes als das, was ich mir ursprünglich vorgestellt habe.
Damals bestand einer unserer Ansätze darin, uns selbst herauszufordern und den Zufall in unseren Entwurfsprozess einzubeziehen, um auf unser Designer-Ego zu verzichten. In Anlehnung an die Kompositionsmethoden von John Cage stellten wir uns einen Wecker und setzten jedes Mal, wenn er klingelte, unsere Skizzen gegenseitig fort. In gewisser Weise übernahmen wir die Kontrolle, indem wir sie abgaben.
Ich beziehe die Prinzipien der Serendipität immer noch in meine aktuelle Arbeit ein. Bei meiner Kompanie Cranky Bodies a/company stelle ich beispielsweise die Kostüme auf einen Kleiderständer sichtbar auf die Bühne, und lade die Tänzer*innen ein, ihre Outfits während der Aufführung frei zusammenzustellen und zu wechseln. Ich kontrolliere den Inhalt: Ich entscheide über Stil, Stoff, Passform und Farbe. Aber ich verzichte bewusst auf die Kontrolle darüber, wie und welche Elemente zusammenkommen und eine Geschichte auf der Bühne ergeben. In meinem Designprozess geht es darum, all diese potenziellen Möglichkeiten zu antizipieren. Mein Moodboard gleicht oft einem riesigen Puzzle. Ich weiß, dass ich es gelöst habe, wenn – wie bei der Improvisation – keine mögliche Kombination „falsch“ ist.
Mit meinem Label wurden wir einmal für einen renommierten Designwettbewerb ausgewählt, durften aber nur eine Kollektion mit drei Outfits zeigen. In einem Anflug von Rebellion beschlossen wir daher, mindestens sechs Outfits in ein einziges zu packen. Unsere hybriden Entwürfe sollten sowohl die Betrachter*innen als auch die Träger*innen herausfordern, indem verschiedene ikonische Formen miteinander verschmolzen – zum Beispiel ein Mantel, der sich in ein Kleid, in einen Rock und in eine Hose auflöst. Die Outfits waren so konzipiert, dass man sie in Bewegung sehen konnte: Je nach Betrachtungswinkel zeigten sie unterschiedliche Kleidungsstücke.
Unnötig zu sagen, dass wir nicht gewonnen haben. Damals wussten die Leute nicht, was sie von unseren hybriden, begehbaren 3D-Collagen halten sollten, doch es katapultierte uns in die internationale Modeszene. Die Vogue nannte unsere Arbeit „Cartoon Couture“. Schließlich landeten sie in der ständigen Sammlung des Centraal Museum in Utrecht.
Vor kurzem habe ich einen ähnlichen Ansatz für die Kostüme verwendet, die ich für TOIL von Sheena McGrandles entworfen habe, das im Dezember 2025 im HAU2 aufgeführt wurde. Die fünf Tänzer*innen bewegen sich in ständig wechselnden Konstellationen, kontinuierlich als Gruppe. Die von Arbeitskleidung inspirierten Kostüme, die für jede*n Tänzer*in maßgeschneidert werden, unterstreichen das Individuum, bilden aber auch ästhetisch ein Kollektiv. Der Tanz setzt einen ständigen Dialog von Farben und Formen in Gang, die sich in einer rasanten, sich permanent verändernden kaleidoskopischen Komplexität aufeinander beziehen, so dass die Summe größer ist als ihre Teile.
Bei meiner Arbeit zwischen Modedesign, Kostüm und Tanz fühle ich mich oft an jene frühen Momente an der Nähmaschine erinnert, als das Schaffen eher von Neugier als von Gewissheit bestimmt war. Was mich heute in meiner Arbeit leitet, ist derselbe Impuls: Ich verlasse mich auf mein Handwerk und schaffe gleichzeitig Bedingungen für das Unerwartete – und lasse so visuelle Magie, oder Mode, entstehen.
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