tanzbüro
Uferstraße 23
13357 Berlin
+49 30 460 643 51
postno-spam@tanzbuero-berlin.de
Info

Tanzbüro Berlin Workshop:
Danceдіалог
“Die Berliner Förderlandschaft verstehen”
Termin: 29.01.2026 | 10.30-13.30 Uhr 

Mehr…

Ausgabe September-Oktober 2025

Every Scroll You Take

Text: Dana Furema und Fridolin Löschner
Lektorat: Alina M. Saggerer

Dieser Text ist im Rahmen des Seminars Utopia, Hope and Negativity (Dozentin: Alina M. Saggerer) am Institut für Theaterwissenschaft an der Freien Universität Berlin entstanden. 

 

Kannst du drei Geschichten nacherzählen, die du heute digital miterlebt hast? Kaum etwas bleibt hängen und doch bewegt sich etwas in dir. Es wird größer, kommt dir näher. Das TikTok wird zwar vergessen, hinterlässt jedoch eine Spur, fügt dem aufgestauten Gefühlsberg etwas hinzu. Der Griff zum Handy hat sich als Reflex etabliert: Jede freie Minute wird damit gefüllt, jede Überforderung umgangen. Doch was begegnet uns hinter der glatten Oberfläche des Bildschirms, anstatt der erhofften Erleichterung? Der Doom. Die Verdammnis, der Untergang. Und mit jedem Swipe kommt der Doom näher.

/ Du willst ihm entkommen / Deshalb scrollst du / weiter /

Krieg. Faschismus. Brainrot. Der handfeste Beweis für die verdorbene Natur des Menschen in Bild- und Textform. Nur weg damit. Der Daumen setzt am unteren Ende des Bildschirms seine streichende Bewegung an. Er scrollt. Doch je weiter wir uns in die Tiefen des Feeds hineinbegeben, je stärker wir versuchen, uns den Doom vom Leib zu scrollen, desto näher scheint er uns zu sein. Es ist eine Falle, denn mit jedem Wisch graben wir uns nur weiter in den Treibsand des Dooms hinein.

/ Denn //Krieg ist Frieden// /1984// / Deshalb scrollst du /

/ weiter / 

Die Bewegung mutet paradox an: das Verharren im Medienkonsum, die freiwillige Gefangenschaft im Doom, dem wir doch eigentlich zu entkommen versuchen, das Eingraben, tiefer und tiefer. Sicherlich ist die Mischung von privatem und gesellschaftspolitischem „Content“ auf unserer Timeline und die nachfolgende Verflachung, die Gleichsetzung der beiden Formen in unserem Bewusstsein ausschlaggebend: Somit scheint der Doom viel unmittelbarer, näher, als er vielleicht ist, und damit umso paralysierender. Das soll nicht heißen, dass die Zeiten, in denen wir leben, nicht krisenreich und beängstigend sind. Es gibt Leute, die das Leid nicht einfach so wegswipen können. Sie leben es.

/ Denn //Alle Tiere sind gleich / Aber manche sind gleicher//  / Farm der Tiere/ / Deshalb scrollst du /

/ weiter / ! /

Dennoch müssen wir uns fragen, wie die wiederholte Bewegung in einer Abwärtsspirale unsere Handlungsfähigkeit vielleicht stärker einschränkt als befördert. Wer sich wiederholt nur mit Bildern der Hoffnungslosigkeit konfrontiert, verliert die Fähigkeit, sich eine hoffnungsvolle Perspektive zu verschaffen. Wer keine Perspektive sieht, ist dazu verdammt, in immer gleichen Abläufen steckenzubleiben. Die eigene Wirksamkeit und die Welt um sich herum zu verkennen. Aufzugeben. Man* stelle sich eine Gesellschaft vor, die aufgegeben hat, die der Lethargie verfallen ist. Die in einer Wechselwirkung zwischen Furcht vor dem Untergang und der ständigen Annäherung an diesen gefangen ist. In einer paradoxen Ausführung der immer gleichen, gen Doom gestikulierenden Bewegung. 

Denn //We bombard people with sensation/ That substitutes for thinking// /Ray Bradbury/ / Deshalb scrollst du /

Ein Glück haben wir jeden Tag die Chance, aus diesem Wahnsinn auszubrechen. 

Weiter?

 

Folgt uns