„Es ist wichtig, dass du hier bist.“
Im Herbst letzten Jahres fand im Rahmen von Claire Cunning-hams Einstein-Profil-Professur am Hochschulübergreifenden Zentrum Tanz Berlin das dreitägige Gathering On Crip Technique, Knowledge and Expertise – Bodies of Knowledge: Choreographies of Care statt. Gemeinsam mit internationalen Künstler*innen, Aktivist*innen und Forscher*innen erkundete Cunningham im HAU 2 das Potenzial von Crip-Techniken, Erfahrungswissen und kollektiver Fürsorge. Jenseits klassischer Symposien entstand ein Raum, der Zugänglichkeit erprobte, Konventionen hinter-fragte und vielfältige Perspektiven auf Behinderung, Körperwissen und künstlerische Praxis sichtbar machte. Dramaturg*in und Autor*in Jenny Mahla hat die Zusammenkunft für tanzraum-berlin besucht und reflektiert diese.
Jenny Mahla
Dramaturg*in und Autor*in
„It matters that you are here“, dieser Satz von Claire Cunningham ist im Programmheft des Symposiums zu lesen, das bewusst eher eine Zusammenkunft als eine traditionelle Konferenz ist. In ihrer Willkommensrede betont Cunningham noch einmal ausdrücklich, dass es wichtig ist und einen Unterschied macht, dass und wie wir hier zusammenkommen. Und die Tatsache, dass wir da sind, erinnert sie wiederum daran, dass auch ihre Anwesenheit wichtig ist.
Darin steckt für mich viel von der Haltung, die Claire Cunningham und ihr Crip-Choreo-Care-Forschungsteam verkörpern. Du wirst als Individuum gesehen und wertgeschätzt – mit all deinen Expertisen und Bedürfnissen. Dass sich diese Haltung im institutionellen Rahmen der Einstein-Profil-Professur am HZT über einen Zeitraum von fünf Jahren in das Ausbildungssystem junger Studierender einschreiben darf, ist ein wertvoller Schritt auf dem Weg hin zu einer inklusiveren Tanz- und Choreografiepraxis.
„On Crip Technique, Knowledge and Expertise – Bodies of Knowledge: Choreographies of Care“
Der Titel des Gatherings macht weitere zentrale Aspekte der Forschung und Lehre der 48-jährigen Schottin deutlich. Es geht um die Expertise, die von der gelebten Erfahrung mit Behinderung kommt, und um das besondere Wissen, das Crip und behinderte Körper entwickeln (müssen), um sich in einer ableistischen (Tanz-)Welt bewegen zu können. Dass sich aus diesem Erfahrungswissen Techniken entfalten, die unser Verständnis von Körper und Bewegung sowie unsere Tanzpraxis bereichern, ist nicht zuletzt durch die Anerkennung der Arbeit von Claire Cunningham deutlich geworden. Zahlreiche Künstler*innen die beispielsweise über das Netzwerk Making a Difference Unterstützung erhalten, um ihre Arbeit unter angemessenen Bedingungen weiterzuentwickeln, konnten sich in den letzten Jahren in der Freien Szene und teils auch innerhalb von Institutionen etablieren.
Wie inspirierend dieses Körperwissen von Crip-Künstler*innen sein kann, verdeutlichte die Gastgeberin in einer Mischung aus Vorlesung und Demonstration. In ihrem sehr erfolgreichen einstündigen Format 4 Legs Good zeigt sie, wie ihre Krücken sie zu einem Quadrupede, einem vierfüßigen Wesen, machen, mit der Welt verbinden und so ihre Wahrnehmung und künstlerische Praxis leiten.
Im Rahmen des Gatherings wollten sie und Luke Pell (Kuration und wissenschaftliche Mitarbeit) aber vor allem Künstler*innen, Autor*innen und Forschenden, die ihr Denken und Handeln nachhaltig prägen, eine Bühne geben. So waren beispielsweise Eli Clare, Kenny Fries, Julia Watts Belser und Sandie Yi eingeladen, ihre Gedanken, Erkenntnisse und Praktiken in sogenannten Three-notes zu teilen. Anstelle klassischer Keynotes wurden jeden Morgen 30-minütige Video- und Tonaufnahmen abgespielt. Botschaften wie Crip Empowerment (den eigenen behinderten Körper so anzunehmen und wertzuschätzen, wie er ist) konnten den Raum füllen, ohne dass die Expert*innen selbst vor Ort sein mussten.
In den Beiträgen von Julia Watts Belser ging es zum Beispiel um Krähen, die sie über Wochen täglich beobachtet hat, weil diese das sind, was sie von ihrem Bett aus sehen kann. Mithilfe von Audioaufnahmen der Krähenrufe beschreibt sie uns die Tiere auf detaillierte Weise und lässt uns diese in einem neuen Licht sehen. Ihre Gedanken dazu, wie selbstbewusst sich die Krähen trotz ihrer wenig normativen Eleganz durch die Welt bewegen, haben in diesem Kontext ein poetisches und politisches Gewicht. Sich auf nicht normative Weise zu bewegen und dies nicht zu verstecken, sondern als Bereicherung für die (Tanz-)Welt zu sehen, ist ein höchst persönlicher Prozess und zugleich ein politischer Akt für behinderte, Taube und chronisch kranke Künstler*innen. Luke Pell spricht in diesem Zusammenhang von einer „awkward elegance“, also einer umständlichen oder ungeschickten Eleganz, die die nicht-normativen Körper für genormte Blicke hervorrufen.
Das Aufbrechen von Konventionen war ein wichtiger Aspekt in der Konzeption des Gatherings, denn die Rahmenbedingungen sollten es möglichst vielen Menschen ermöglichen, dabei zu sein. Neben einem improvisierten (und eigentlich längst überfälligen) Bodenleitsystem für sehbehinderte Menschen im HAU 2, hieß das beispielsweise, dass alle Besucher*innen sich täglich auf Covid testeten und trotzdem eine Maske trugen. Die Übersetzung aller Beiträge in Deutsche Gebärdensprache war selbstverständlich, zudem liefen Untertitel in Englisch und Deutsch. Eine Live-Audiodeskription war für die meisten Formate ebenfalls verfügbar. Die Tatsache, dass in den Beiträgen durchgängig Englisch und in schwerer Sprache gesprochen wurde, hat jedoch Barrieren für Menschen geschaffen, die kein oder nur wenig Englisch verstehen und/oder auf Leichte Sprache zur Teilhabe angewiesen sind.
Sogenannte Access Clashes, also das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Zugangsbedürfnisse, lassen sich bei so breit gefächerten inklusiven Veranstaltungen meist nicht vermeiden. Doch die Tanzkünstlerin Tanja Erhart führte dazu im Gespräch aus, dass dies für sie auch die Vielschichtigkeit der Crip- und Behinderten-Community verdeutliche. Die aus Wien angereiste queere Crip-Tanzkünstlerin hätte sich jedoch noch mehr räumlich aufgebrochene Formate gewünscht. Der zentrale Bühnenraum war durch diverse Sitzmöglichkeiten, die um die Mitte herum arrangiert waren, durchaus einladend gestaltet und die klassische Trennung von Bühne und Publikum teils aufgebrochen, die Beiträge waren jedoch eher frontal und präsentierend gestaltet.
„Practice leaving“ – sich darin üben, zu gehen.
Innerhalb des sozialen Trubels und der anregenden Inputs gut auf sich und die eigenen Kapazitäten zu achten, wurde von der Tatsache, dass die meisten Beiträge höchstens eine halbe Stunde dauerten, strukturell stark begünstigt. Die vielen eingeplanten und auch eingehaltenen Pausen haben außerdem die Einladung, den Ruheraum zu nutzen, bekräftigt. Die gesamte zweite Etage wurde als Rückzugsort ausgewiesen und war mit einer Vielzahl von Matratzen und Decken gut ausgestattet, um sich jederzeit ausruhen zu können. Unterschiedliche kognitive und physische Leistungsfähigkeiten im Blick zu haben, hieß auch, die zentralen Programmpunkte nicht unmittelbar nacheinander in den Tagesplan zu pressen, sondern bewusst Zeiten zur Verarbeitung und für den Austausch einzukalkulieren.
Auch die Künstlerin Fia/Sophia Neises, die 2023 für ihre aktivistische Arbeit mit dem Deutschen Tanzpreis in der Kategorie „Herausragende Entwicklung im Tanz“ ausgezeichnet wurde, weiß Zeit für Begegnungen und persönlichen Austausch zu schätzen. Während des Gatherings gab es für sie jedoch zu wenige Perspektiven blinder und sehbehinderter Künstler*innen und das Thema Aesthetics of Access kam ihres Erachtens inhaltlich kaum vor. Ihre stets wichtige Stimme erhob sie am Ende der Veranstaltung nochmal in der großen Runde, um aktuelle Herausforderungen für freischaffende behinderte Künstler*innen zu benennen. Es bestehe weiterhin eine vulnerable Abhängigkeit von Ämtern und Institutionen, die allzu oft eine Beweispflicht der eigenen Professionalität fordern, gleichzeitig aber von den Künstler*innen darüber aufgeklärt werden müssen, welche Arbeitsbedingungen überhaupt notwendig sind.
Die gemeinsamen Tage im HAU haben in gebündelter Form gezeigt, dass es sowohl inhaltlich-künstlerische als auch strukturelle Zugänge für behinderte, Taube und chronisch kranke Künstler*innen braucht. Dabei darf die Vielseitigkeit der Crip-Community nicht vergessen werden, denn das Wissen und die Expertise von Künstler*innen mit Behinderungen sind so vielfältig wie die Menschen selbst. Und auch wenn das Treffen zweifellos eine wichtige Vorbildfunktion für die Tanzszene hatte, gibt es vor allem hinsichtlich intersektionaler Solidarität noch mehr zu tun, um auch solche Räume weniger weiß und klassistisch zu gestalten. Um daran gemeinsam zu arbeiten, vor allem in Zeiten, in denen Teilhabegerechtigkeit unter Druck steht, ist es wichtig, dass auch du das nächste Mal (wieder) dabei bist.
Glossar
Crip ist abgeleitet vom englischen Wort „cripple“ (Krüppel). Manche Menschen mit Behinderungen eignen ihn sich als selbstbestimmten und aktivistischen Begriff an.
Ableismus ist ein am englischen Wort „ableism“ angelehnter Begriff, der aus der US-amerikanischen Behindertenbewegung stammt und die Diskriminierung von Menschen mit Behinderung beschreibt.
Making a Difference ist ein 2018 gegründetes Berliner Netzwerk, das die selbstbestimmte Arbeit behinderter, Tauber und chronisch kranker Künstler*innen im Tanz fördert.
Aesthetics of Access ist ein englischsprachiger Begriff, der Praktiken beschreibt, die sich in den darstellenden Künsten zunehmend etablieren, um Barrierefreiheit künstlerisch und von Beginn an in den Produktionsprozess einzubinden.
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