„Es ist wichtig, dass die Freie Szene in den kommenden Jahren noch stärker zusammensteht.“
Wie steht es aktuell um die Freie Tanzszene und welche politischen Weichen müssen jetzt gestellt werden? tanzraumberlin-Redakteurin Johanna Withelm hat sich Ende März mit Cilgia Gadola und Paul Hess getroffen, der neuen Doppelspitze des Bundesverbands Freie Darstellende Künste (BFDK). Mit Blick auf die Bundesebene ebenso wie auf die Hauptstadt Berlin sprachen wir über strukturelle Defizite, aktuelle und drohende Förderkürzungen und die soziale Lage von Tanzakteur*innen. Es geht um kulturpolitisches Engagement, um solidarisches Miteinander und die Frage, wie sich nachhaltige Arbeitsbedingungen für die Freie Szene sichern lassen.
Interview: Johanna Withelm
Ihr kommt beide ursprünglich vom Tanz. Wie ist euer Einstieg in die Kulturpolitik verlaufen?
Cilgia Gadola: Ich bin 2006 nach meiner Tanzausbildung in München direkt nach Berlin gezogen. Von der eigenen Tanzpraxis über die Arbeit als Produktionsleiterin bis hin zum Studium der Theater- und Tanzwissenschaft habe ich dann ein kulturpolitisches Interesse entwickelt und wollte verstehen, wie die Strukturen im Hintergrund wirken. 2019 wurde ich in den Vorstand des ZTB e. V. gewählt. Beim BFDK habe ich bereits ab 2021 bis Ende letzten Jahres als Projektleiterin gearbeitet.
Paul Hess: Ich habe Tanz und Choreografie an der Folkwang Universität in Essen studiert und viele Jahre als Tänzer und Choreograf gearbeitet. Der erste kulturpolitische Impuls kam während des Studiums, als die Künstlersozialkasse öffentlich infrage gestellt wurde. Da habe ich gemerkt, dass ich mich nicht nur künstlerisch, sondern auch politisch engagieren will. Ich habe Sprecherfunktionen in Ensembles übernommen und mich gewerkschaftlich bei der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger engagiert. 2025 wurde ich in den Vorstand des Dachverband Tanz Deutschland gewählt.
Wie würdet ihr die Entwicklung im Tanz in Berlin seither einschätzen?
CG: Als ich vor 20 Jahren nach Berlin kam, war der Tanz im Aufbruch: Das Tanzbüro Berlin war frisch gegründet und die groß angelegte Förderinitiative Tanzplan Deutschland hat zwischen 2005 und 2010 vieles angestoßen, unter anderem die Einrichtung des Hochschulübergreifenden Zentrums Tanz. Ein Meilenstein war dann der Runde Tisch Tanz, der 2018 stattfand und die Förderlandschaft klar nach vorne gepusht hat. Die errungenen Förderprogramme wie die Stipendien Tanzpraxis und die Residenzförderung Tanz sind enorm wichtig und richtungsweisend. Aktuell gibt es vom ZTB e. V. außerdem ein Konzept für eine Strukturförderung, mit der Künstler*innen und Gruppen ihre projektunabhängigen Strukturen finanzieren können. Viele kulturpolitischen Impulse und Innovationen werden von der Sparte Tanz und insbesondere vom ZTB e. V. angestoßen.
Was ist aus eurer Sicht momentan die größte finanzielle Herausforderung für die Freie Tanzszene?
PH: Die größte Gefahr geht aktuell von den vorhandenen und drohenden Förderkürzungen aus. Dieser Herausforderung begegnen wir mit intensiver Lobbyarbeit und politischer Überzeugungskraft. Und das Thema Transition und Neuorientierung nach der aktiven Bühnenlaufbahn ist schon immer zentral, denn es stellt Tänzer*innen früher oder später vor massive finanzielle Herausforderungen.
CG: Ein zentrales Problem in Berlin ist, dass es kaum feste Stellen für Tänzer*innen gibt. Die Sparte Tanz ist im Vergleich zum Sprechtheater noch immer strukturell unterrepräsentiert. Ein Haus für Tanz und Choreografie, das ja seit den 1980er-Jahren bis heute von der Tanzszene vergeblich gefordert wird, würde den Tanz strukturell stärker in der Stadt verankern.
Welche konkreten Änderungen fordert ihr auf Bundesebene?
CG: Eine unserer Kernforderungen ist eine langfristige Strukturförderung überregionaler Netzwerke. Es braucht eine institutionelle Förderung, die langfristig angelegt ist, also kein Ablaufdatum hat. Wir sind mit der Politik und der Verwaltung im Gespräch darüber, wie diese Forderung umgesetzt werden kann. Wir haben außerdem einen Förderstrahl erstellt, der alle landes- und bundesweiten Förderfristen abbildet und deutlich macht, dass viele Fristen von Bund und Ländern nicht miteinander abgestimmt sind, was es den Antragsteller*innen unnötig schwer macht. Wir setzen uns dafür ein, dass diese Fördersystematik besser vereinheitlicht wird.
Der BFDK setzt sich für eine Erhöhung der Honoraruntergrenzen ein. Wie geht ihr mit dem Problem um, dass eine Erhöhung der Honorare immer auch bedeutet, dass weniger Projekte gefördert werden?
PH: Die Honoraruntergrenzen sind uns als BFDK extrem wichtig. Der Konflikt ist uns bekannt, wir bekommen die Unsicherheiten aus den Landesverbänden und der Freien Szene immer wieder gespiegelt und nehmen diese ernst. In Berlin hat sich die Förderhöhe in den letzten Jahren mit nach oben bewegt. Aber es besteht natürlich die Gefahr, dass durch die Anhebung der Honorare weniger Projekte gefördert werden, gleichzeitig bedeuten niedrige Honorare immer auch prekäre und ausbeuterische Arbeitsverhältnisse. Was wir realistisch brauchen, ist ein sich bewegender Deckel in der Kulturförderung – ein Fördertopfdeckel, der sich mit der Erhöhung der Honoraruntergrenzen mitbewegt.
Wie richtet ihr diese Forderung an die Politik?
CG: Wir waren vor Kurzem bei der CDU/CSU-Bundesfraktion eingeladen, um unsere Studien zur sozialen Lage vorzustellen. Durch die geringen Einkommen der freien Kunstakteur*innen werden deren Renten extrem niedrig sein – die durchschnittliche Monatsrente beträgt 700 Euro –, sodass sehr viele Menschen im Alter auf Sozialleistungen angewiesen sein werden. Wir fragen uns, ob es also nicht klüger wäre, das Geld, anstatt es später in Sozialleistungen zu stecken, lieber jetzt der Erhöhung des Kulturetats zuzuschlagen. Leider haben wir noch keine Zahlen, die diesen Zusammenhang belegen. So oder so wird dieses Geld gebraucht. Zugleich versuchen wir, der Politik zu erklären, dass Kunst nicht wirtschaftlich funktioniert, im Umkehrschluss aber ein großer Wirtschaftsfaktor ist: Diesen kann man ankurbeln, indem man in die Kultur investiert, denn Kultur ist das, was die Leute in Metropolen wie Berlin zieht. Das betrifft sowohl den Tourismus als auch Menschen, die hier arbeiten und Steuern zahlen. Dieses Argument wird auch von der Politik gerne herangezogen.
Welche kulturpolitischen Ziele habt ihr euch für die nächsten zwei Jahre gesetzt?
CG: Unser Ziel ist es, die Strukturförderung für überregionale Netzwerke zu etablieren. Die Freie Szene innerhalb Deutschlands darf nicht auseinanderfallen, die politische Vereinnahmung von rechts in einigen Ländern muss durch den Bund aufgefangen werden, sodass bestimmte Regionen nicht abgehängt werden.
PH: Die Verbesserung der sozialen Lage von freischaffenden Akteur*innen ist eines unserer zentralen Anliegen. Darunter fällt die Erwerbslückenabsicherung als eine zusätzliche Säule innerhalb der KSK, die bundesweite Systematisierung von Förderungen und das Aufhalten von Förderkürzungen. Und wir setzen uns für ein Solidarsystem ein, in dem alle freischaffenden Künstler*innen verpflichtend in die Rentenkasse einzahlen und es eine Mindestrente für alle gibt, unabhängig vom Einkommen.
CG: Um diese Ziele zu erreichen, ist eine stabile Geschäftsstellenförderung des BFDK unabdingbar. Nur so können wir langfristig und nachhaltig die Freie Szene vertreten und die vielen Gruppierungen miteinander koordinieren. Gerade in Zeiten existenzieller Sorgen ist es notwendig, gemeinsam und solidarisch zu handeln. Es ist wichtig, dass die Freie Szene in den kommenden Jahren noch stärker zusammensteht.
Was würdet ihr jungen Tanzschaffenden aktuell raten?
PH: 1. Frühzeitig in die KSK eintreten; 2. Wer kann, sollte sich unbedingt über die Versorgungsanstalt der deutschen Bühnen zusatzversichern lassen; 3. Sich mit Kolleg*innen vernetzen; 4. Das bereits vorhandene Wissen nutzen, z. B. über unseren Campus Freie Darstellende Künste, der sich besonders für Berufseinsteiger*innen gut eignet. Und nicht zuletzt: Man will es in jungen Jahren vielleicht nicht hören, aber alle Tänzer*innen sollten sich frühzeitig Gedanken darüber machen, was passiert, wenn sie irgendwann nicht mehr auf der Bühne aktiv sind.
Aktuell:
Ausschreibung Vielfalt gestalten: Spielstätten gesucht
Bewerbungsfrist: 03. Mai 2026
Campus Freie Darstellende Künste des Bundesverbands Freie Darstellende Künste