Bewegung im Bild
Seit fast zwei Jahrzehnten verbindet das POOL – MOVEMENT ART FILM Festival Berlin im DOCK 11 Tanz und Film zu einem inter- nationalen Ort für bewegte Bilder und choreografische Experimente. Im Gespräch mit Johanna Withelm blicken die Festivalmacherinnen Wibke Janssen und Sarah Möller auf die Entstehung und Entwicklung des Festivals zurück, sprechen über kuratorische Entscheidungen, internationale Netzwerke und die besondere Sprache des Tanzfilms als eigenständige Kunstform.
Interview: Johanna Withelm
Wie kam es zur Gründung des POOL-Festivals?
Wibke Janssen: Ich wurde im Jahr 2006 zu dem Tanzfilmfestival Coreografo Elettronico in Neapel eingeladen, war dort Teil der Jury und habe zum ersten Mal eine große Auswahl internationaler künstlerischer Tanzfilme gesehen. Die Vielseitigkeit dieser Kunstform und auch das generationsübergreifende Publikum beeindruckten mich sehr, sodass schon in Neapel die Entscheidung fiel, in Berlin ein Tanzfilmfestival zu gründen. Bereits 2007 haben wir daraufhin die erste Ausgabe im DOCK 11 realisiert.
Sarah, wann bist du zum Festival dazugekommen?
Sarah Möller: Ich bin 2012, nachdem ich zum Studieren nach Berlin gezogen bin, zum Festivalteam dazu gestoßen und schließlich mehr und mehr in die organisatorische und kuratorische Arbeit hineingewachsen. Wibke und ich haben uns die künstlerische Leitung des Festivals dann über viele Jahre geteilt.
Nach welchen Kriterien wählt ihr die Filme aus?
WJ: Die Auswahl hat viel mit der tänzerischen und filmischen Qualität zu tun. Das Besondere beim Tanzfilm ist ja, dass zu der Qualität von Bewegung und Sprache die Kamera als künstlerisches Element dazukommt und Dinge nach vorne bringt, die man in der Bühnenversion so gar nicht erleben kann.
SM: Die Annäherung an das Format bzw. die Art, wie Tanz und Film verbunden werden, ist dabei sehr verschieden und wir sind in der kuratorischen Auswahl sehr offen für diese Verschiedenheit. Um die Verschränkung zwischen Film, Tanz und Bewegung noch breiter zu denken, haben wir schließlich den Namen des Festivals umbenannt: von POOL – Tanzfilm Festival Berlin in POOL – MOVEMENT ART FILM Festival Berlin.
WJ: Das ist ein sehr weites Feld. Gleichzeitig grenzen wir uns bei der Auswahl auch von reinen Dokumentarfilmen oder abgefilmten Bühnenstücke ab – es geht uns um die künstlerische Entscheidung für ein Format, in dem mit Kamera und Bewegung gearbeitet wird, um etwas entstehen zu lassen. Natürlich sind die Arbeiten auch sehr unterschiedlich, weil die Menschen je nach finanzieller Situation unterschiedlich produzieren können. Das Budget, das hinter einer Produktion steht, ist für uns aber kein Auswahlkriterium. Uns ist außerdem wichtig, dass es kein Ranking gibt, keinen ersten, zweiten und dritten Preis.
Seit 2015 gibt es POOL SHINE – NEW YORK TRACES. Was zeichnet dieses Format aus?
SM: POOL SHINE präsentiert künstlerische Positionen aus der New Yorker Szene. Mit der ersten Ausgabe haben wir den Fokus auf die Filmemacherin Maya Deren gelegt, von dort sind wir weitergegangen in die 60er und 70er Jahre und haben geschaut, welche Filme dort, vor allem aus der postmodernen Tanzszene heraus, entstanden sind. Wir haben besonders auch Arbeiten von Künstler*innen gesucht, deren Filme weniger bekannt sind und darüber viel mit der Choreografin Yoshiko Chuma zusammengearbeitet, die selbst Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre mehrere 16-mm-Filme produziert hat, die lange Zeit nicht gezeigt wurden.
WJ: Durch Yoshiko Chuma hat sich viel Neues aufgetan, weil sie schon lange in New York lebt und von Filmen wusste, die brachliegen und noch nicht digitalisiert sind. Da hat sich nochmal eine neue Welt eröffnet, zum Beispiel durch die Filme von Meredith Monk und ihre Silent-Film-Reihe. SHINE hat einen anderen Rahmen, es wählt ein Thema aus und öffnet mehr Raum, dieses zu beleuchten, und ist nicht festgelegt auf zeitgenössische Filme. SHINE ist als Teil von POOL sehr wichtig, weil diese älteren Filme auch als eine Art Zeitdokument der Stadt New York nochmal einen anderen Fokus setzen und zugleich auch einen Bezug zu den zeitgenössischen Filmen herstellen.
Welche Rolle spielt Kontextualisierung z. B. in Form von Diskursformaten, Workshops und Labs?
SM: Künstler*innengespräche und informelle Austauschformate als Teil des Festivals mit den anwesenden Künstler*innen waren uns immer wichtig, um Begegnung und einen Treffpunkt für die Szene zu schaffen. Außerdem bieten wir verschiedene Workshops an, die z. B. von Yoshiko Chuma oder von mir geleitet werden. Mein Eindruck ist, dass es wenig Angebote im Bereich des praktischen Wissens über die Verbindung von Tanz und Film gibt. Aktuell bieten wir gemeinsam mit den Choreografinnen Silja Tuovinen und Anna Athanasiou ein monatlich stattfindendes Lab an, das als eine Art regelmäßiges Training im Bereich Tanzfilm konzipiert ist. Es gibt jeden Monat einen Mini-Score, anhand dessen man eine filmchoreografische Miniatur erarbeitet. Das Ganze ist als kollektive Recherche gedacht. Der Fokus liegt immer auf einem spezifischen Aspekt, an dem man experimentieren kann. Das letzte Thema war z. B. Berührung und Haptik im Bild.
Werden die Filme auch im internationalen Kontext gezeigt?
WJ: Ja, unser Wunsch ist, dass die Filme nicht nur im Rahmen von Festivals, sondern auch international in anderen Kontexten gezeigt werden. Wir hatten z. B. Kooperationen mit dem Goethe-Institut und mit anderen Festivals wie dem Tanzfilmwettbewerb MOV‘IN CANNES.
SM: Zuletzt waren wir mit einer Filmreihe zum Jumping-Frames-Festival in Hongkong eingeladen, was mich sehr gefreut hat. Die Kuratorin Elysa Wendi war im letzten Jahr auch Teil unseres Kurator*innenteams und wir stehen im engen Austausch.
Welche ästhetischen oder thematischen Tendenzen beobachtet ihr aktuell im internationalen Tanzfilm?
SM: Disruption war ein wiederkehrendes Thema in den vergangenen Jahren: der Eindruck, dass etwas nicht stimmt, schief liegt, was sich in den einzelnen Filmen jeweils sehr verschieden ausgedrückt hat.
WJ: Es zeigt sich vor allem, dass über die Jahre verbindende Themen auftauchen, die in ihrer künstlerischen Notwendigkeit aktuelle Geschehnisse aus der Welt aufnehmen.
Welche Pläne und Wünsche habt ihr für die Zukunft von POOL?
SM: Ich werde ab der diesjährigen Ausgabe nicht mehr als künstlerische Leitung dabei sein, bleibe dem Festival aber verbunden und werde auch die Workshops und Labs weiterhin anbieten.
WJ: Ich werde das Festival weiterführen und habe den Wunsch, dass es weiterwächst. Was sich geändert hat: Wir lassen den Open Call für eine kürzere Dauer offen als bisher, dafür wird das Programm zum Teil auch durch Vorschläge vom Kurator*innenteam entwickelt. Elysa Wendi aus Hongkong, Mayo Rodríguez Baeza aus Chile und Louise Coetzer & Oscar O’Ryan aus Südafrika werden ihre Vorschläge einbringen. Die internationalen Perspektiven sind bereichernd für POOL und ich möchte weiterhin Synergien schaffen. Louise Coetzer und Oscar O’Ryan waren beispielsweise schon mehrere Male als teilnehmende Künstler*innen sowie als Co-Kurator*innen bei POOL, und jetzt gründen sie gerade ihr eigenes Tanzfilmfestival in Kapstadt – ich finde es großartig, wenn sich dadurch in der Zukunft neue, spannende internationale Kollaborationen entwickeln.
POOL – MOVEMENT ART FILM Festival 2026:
9. bis 12. September 2026, DOCK ART im DOCK 11