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edition Mai-Juni 2026

Was uns zufällt

Alina M. Saggerer
Tanzwissenschaftlerin an der Freien Universität sowie dramaturgisch und journalistisch tätig.

Etwas, das fällt, wird auch landen. Doch lässt sich der Ort der Landung nicht immer vorhersagen. Nicht alles ist fallen gelassen worden, um an einem bestimmten Ort zu landen. Wo es landet, kann auch Zufall sein. Schon das Wort selbst ist Bewegung: Etwas fällt zu, kommt an, schlägt auf. Zufälle erleben wir meist als unerwartet, oft auch erschütternd – als Einbrüche von außen, die uns anfallen. Erst nach der Landung, die nicht immer sanft ist, wissen wir, dass es Zufall war. Vielleicht lässt sich der Zufall deshalb so schwer fassen, weil er sich immer erst im Nachhinein als solcher benennen lässt. Aber können wir jemals ganz sicher sein? Wenn wir Zufall sagen, ist der Prozess des Fallens bereits abgeschlossen. Der Zufall ist bedingt durch vieles, er dehnt sich zeitlich aus. Worüber wir später sprechen, ist eine Deutung des Moments des Aufkommens. 

Wo finden wir das Zufällige, das Zu(ge)fallen(d)e im Tanz? Im Grunde ist jede Aufführung, selbst eine durchchoreografierte, auch vom Zufall bedingt: Kleine Verschiebungen, minimale Abweichungen passieren einfach, keine Aufführung ist gleich. Doch manche Performances öffnen sich kompositorisch bewusst dem Zufall: etwa durch Improvisation. Hier wird er eingeladen und mit ihm wird gespielt. Es werden Lücken geschaffen, in die er fallen kann. Der improvisierte Zufall entsteht subtil im Körper, ist hier aber bereits eingegrenzt, es ist nicht in dem Sinne „alles möglich“. Aber auch hier ist der Zufall nicht gerichtet, ohne Intention. Er beginnt mit einem Impuls, einem Anstoß, der noch keine Richtung vorgibt. Etwas öffnet sich, du lässt es (oder dich selbst) fallen und schaust, was passiert. Das birgt ein Risiko, manche Zufälle sind auch Anfälle, sie schlagen hart und schmerzhaft auf. Manchmal bricht was dabei. Um Zufall zu erfahren, braucht es eine Offenheit: eine Sensibilität für die Risse, durch die etwas einbrechen kann. Du musst dich verletzlich zeigen, um getroffen zu werden.

Ich erlebe diesen geöffneten Fall als etwas, das für mich maßgeblich ästhetische Erfahrung ausmacht. Ich lese, sehe, höre – und plötzlich trifft mich etwas. Eine kleine Wendung, ein beiläufiges Detail, ein Bild. Und auf einmal ergibt alles scheinbar Sinn. Es ist nicht logisch, es ist wie ein kurzes Einrasten, als würde das Wahrgenommene eine Form annehmen, die sich mit meiner eigenen zu decken scheint: mit meinen Erinnerungen, meinem Körper, meinen Gedanken und Empfindungen. Plötzlich wirft das Geflecht meines Lebens einen Schatten, der haargenau auf das Kunstwerk fällt. Es ist ein überwältigender Moment, ein Alles-und-Nichts-Moment. Ich fühle mich als Teil von allem, verbunden mit der Unendlichkeit, und spüre die unbegrenzten Möglichkeiten: wie das Leben weitergehen, wie sich die Welt entwickeln könnte – zum Guten wie zum Schlechten. Aber vorhersagen kann ich es nicht. Ich sitze aus irgendeinem – oder auch keinem – bestimmten Grund genau in diesem Moment an genau diesem Ort. Dieser kurze Schatten der Übereinstimmung ist kein Beweis für etwas Größeres, aber er lässt die Ahnung zu, dass nichts (von) alleine fällt.

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