Lektionen über Mut (und Wut)
Stimmen von Iman Gele, Britta Kerger, Birte Opitz, Heinrich Horwitz und Sara Mikolai
Mut ist eine harte Währung in Krisenzeiten. Wir erkennen ihn oft leichter in anderen als in uns selbst. Das tanzraumberlin Magazin hat fünf Berliner Tanzkünstler*innen gefragt, wie sich ihr gegenwärtiger Mut anfühlt und was sie trotz Kulturkürzungen und der daraus resultierenden finanziellen Unsicherheit, trotz prekärer Arbeitsbedingungen sowie gesellschaftlicher und persönlicher Rückschläge weiterarbeiten lässt. Entstanden sind Texte über Verletzlichkeit, Liebe, Zweifel und Beharrlichkeit – und über eine Wut, die nicht lähmt, sondern Bewegung erzeugt.
[Translate to English:] Iman Gele
Courage, for me, has always meant allowing myself to be unfiltered. It means resisting the pressure to make myself or my work more acceptable, softer, or easier for others to consume. Being courageous is not about never feeling afraid; it’s about choosing honesty, even when honesty feels uncomfortable or vulnerable. In my artistic journey, courage has meant trusting my intuition and speaking from a place that is real, even if it is messy, emotional, or unresolved. I don’t want to create work that hides behind perfection or expectations. I want my work to reflect who I am, what I experience, and what I question. I feel most courageous when I allow myself to be fully present in my work without trying to control how people will interpret it. Freedom lies in relinquishing the need to please everyone. I believe authenticity creates a deeper connection than perfection ever could. I feel rage when I witness injustice, inequality, or the ways people are silenced, excluded, or dehumanized. I also feel rage when honesty is met with fear or when people are expected to censor themselves in order to fit into systems that were never developed for them. That anger doesn’t make me want to destroy, it makes me want to respond. It becomes a source of energy that I channel into my artistic practice. For me, courage and rage are deeply connected. Rage reveals what I care about, what I refuse to accept, and where change is needed. Courage is what allows me to transform that emotion into something meaningful instead of allowing it to consume me. Together, they push me to create work that is honest, vulnerable, and uncompromising. They remind me that art is not only about beauty, but also about truth, and truth often requires both courage and the willingness to confront difficult emotions.
Iman Gele is a choreographer, dancer, moderator, curator, and activist of East African heritage. She is a member of the collectives Walashé and NDA BIVINI and is committed to amplifying marginalized perspectives within the dance scene.
Foto: Ebru Altintas
[Translate to English:] Britta Kerger
[Translate to English:] „Nur wer weiß, was er tut, kann tun, was er will.“ Dieses Zitat nach Moshe Feldenkrais begleitet mich seit vielen Jahren schon. Für mich ist es ein Mut-Mantra, denn mein Mut entsteht nicht aus Furchtlosigkeit, sondern aus dem Vertrauen in und dem Wissen über meinen Körper. Ich habe 20 Jahre mit zwei Beinen getanzt und tanze inzwischen seit über 20 Jahren mit einem. Nach meiner Amputation musste ich meinen Körper neu kennenlernen – Muskel für Muskel, Bewegung für Bewegung. Seitdem weiß ich: Technik und Kunst lassen sich nicht voneinander trennen. Als Tänzerin brauche ich die Technik, um Kunst zu kreieren. Kunst kommt schließlich von Können. Mit dieser Haltung mache ich mich in der Tanzszene manchmal zum „enfant terrible“. Ich richte meine Arbeit nicht danach aus, was gerade als zeitgemäß gilt oder was Förderjurys hören möchten. Trotzdem merke ich immer wieder, wie stark der Blick von außen wirkt. „Warum tanzt du nicht mit deiner Prothese?“, werde ich häufig gefragt. Für mich war sie immer ein Hilfsmittel zum Gehen, kein künstlerisches Werkzeug. Der Wunsch, mit ihr zu tanzen, brachte mich dazu, diese Grenze selbst noch einmal auszuloten. Dabei stieß ich nicht an die Grenzen meines Körpers, sondern an die eines Systems: Eine Sportprothese, mit der ich laufen und springen könnte, wird von Krankenkassen nicht übernommen. Sie kostet so viel wie ein Kleinwagen. Und selbst als ich nach über zehn Jahren eine ausprobieren durfte, scheiterte es an den Strukturen: Die einzelnen Komponenten – Feder, Fuß und Sportknie – wurden nicht gemeinsam finanziert und waren auch nicht kompatibel. Ich fiel vom Laufband und musste eine Performance absagen.
Enttäuscht war ich. Und wütend auf Strukturen, die mir meine Bewegungen vorschreiben wollen. Den Versuch habe ich dennoch nicht bereut. Auch darin liegt Mut: lieber zu fallen als mich nicht zu bewegen. Apropos: Seit Kurzem kann ich Kopfstand ...
Britta Kerger ist seit 1983 als Tänzerin und Tanzpädagogin aktiv. Ein Jahr nach ihrer Beinamputation 1998 kehrte sie zum Tanz zurück und arbeitet seither als Performerin, Choreogra-fin und Trainerin. Neben eigenen Arbeiten bietet sie mixed-abled Tanztrainings und professionelles Training an.
Foto: Marcin Weszowski
[Translate to English:] Birte Opitz
[Translate to English:] In meiner künstlerischen Praxis interessiert mich, wie ich Räume schaffen kann, in denen FLINTA*s und strukturell diskriminierte Menschen Selbstbehauptung und Verbundenheit erfahren können. Ich möchte sie darin ermutigen, für sich und andere einzustehen, die eigene Kraft und Wehrhaftigkeit zu spüren sowie ehrlich und sanft mit ihren Körpern in Verbindung zu treten. Angesichts zunehmender misogyner, queerfeindlicher, rassistischer, antisemitischer, ableistischer und weiterer struktureller Gewalt versuche ich, den Mut und meine Handlungsfähigkeit nicht zu verlieren, sondern mit meiner Arbeit dagegenzuhalten. Es ist das gemeinsame Schreien, der erfahrene Wuttanz oder auch nur der Blickkontakt, in dem man sich verletzlich zeigt – in solchen Workshop- oder Performance-Momenten spüre ich, wie wir als situative Gruppe eine gemeinsame Transformation durchleben. Dass sich die Energie im Raum verändert hat, mehr Strahlen, mehr Kraft, mehr Achtsamkeit entstanden ist. Dass das Erlebte eine nachhaltig bestärkende Erfahrung war, von der mir die Menschen noch Wochen später erzählen. All das gibt mir in einer krisenhaften Weltlage und in der schwierigen Fördersituation immer wieder die Hoffnung, dass es sich lohnt, mit meiner Arbeit weiterzumachen.
Birte Opitz lebt und arbeitet als Choreografin, Performerin, Tanzvermittlerin und feministische Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungstrainerin in Berlin. Ihre künstlerischen Arbeiten verbinden Tanz- und Stimmarbeit mit Selbstbehauptung.
Foto: Sarah Berger
[Translate to English:] Heinrich Horwitz
[Translate to English:] Grundsätzlich halte ich mich für einen angstfreien Menschen. In meinem Erwachsenenleben hatte ich selten das Gefühl, unter Angst zu agieren. Ich kenne keine Angst vor Spinnen oder sozialen Situationen, keine Angst vor Neuem oder Altem, keine Angst vor Prüfungssituationen oder davor, frei meine Meinung zu äußern. Ich scheue keine Konflikte und bin eigentlich immer sehr offen für Diskurse. Auch bei viel Diskriminierung, viel Hass und Gegenrede würde ich sagen, mein Mut überwiegt immer. Ich habe Theater und Kunst immer als Raum betreten, der für Menschen wie mich zwar oft nicht zugänglich ist, den-noch aber Aufbruch und Hingabe, eine intrinsische Leichtigkeit und Revolution in sich trägt. Als nicht binäre trans Person war schon in meinem Studium klar: Ich muss die Geschichten suchen, die von uns erzählen. Ich brauche Allies und mutige Partner*innen, die sich trauen, Diversität, aber auch eine andere Formsprache zu programmieren, zu kuratieren. Es gab diese winzigen Nischen, sehr versteckt, und vor allem im Tanz. Theater war immer ein Raum der Liebe. Ich habe mir versprochen, dort alles mit Ja zu beantworten und nicht mit „Ich mache das wegen des Geldes, der Karriere oder der Auf-merksamkeit“ – ich wollte immer sagen können: „Ich mache das aus Liebe.“ Und wenn es nicht passt, dann kämpfe ich für Veränderung. Wenn ich diese Sätze jetzt denke, dann hallen sie nach – weil uns die Tür vor der Nase zugeknallt wurde, weil diese Liebe gegen uns verwendet wurde. Der Verlust der konservativen Mitte, der linksliberalen Mittelschicht, die zwar nicht alles versteht, aber uns lieben lassen hat, schmerzt! Und so scheint der Backlash, scheinen die rechten Stimmen zu gewinnen, die die Angst schüren. Der nun so nahe Angriff auf uns, die queere Community, lässt mich erschauern. Angstvoll werden. Was also jetzt tun? „We won’t live in fear!“ las ich auf einem Plakat bei der Trauerveranstaltung zum Anschlag auf den CSD. „We wont love in fear!“ antworte ich.
Ich lasse mir diese Liebe nicht nehmen, ich glaube weiter an die innewohnenden, tief in den Dingen vergrabenen Fragen nach Liebe. Denn das scheint für mich der wirkliche Widerstand. Das Festhalten an Liebe.
Heinrich Horwitz arbeitet als Regisseur*in, Choreograf*in und Schauspieler*in. 2021 gehörte Heinrich zu den Erstunterzeichner*innen von #ActOut und initiierte 2024 die Petition „An der Freien Kunst zu sparen, kostet zu viel!“ gegen die Kürzungen in den Freien Darstellenden Künsten.
Foto: Dorothea Tuch
[Translate to English:] Sarah Mikolai
My mother’s courage—leaving Sri Lanka, rebuilding her life, and founding her own dance school in Berlin—profoundly shaped me. Growing up in a displaced Tamil community in Berlin taught me that dance could be both survival and a catalyst for renewal, and that the courage of a whole community is invaluable. Bharatanatyam dance holds deep significance for the Tamil diaspora, yet I question its history and evolution into a classical form. For the past 15 years, these questions have guided my artistic journey, leading to a critical engagement with the dance, its historical narratives and aesthetics. It would have been easier to perform it in its widely accepted form, but understanding its sociopolitical contexts urged me to clearly position my artistic focus and ethical stance. In the absence of a scene that understood these urgencies, I moved to Sri Lanka for several years, now feeling a sense of belonging in both places I call home. I rarely think of courage when I think of my own artistic journey. Rather am I constantly tormented by the anxieties and anger accompanying the many losses intrinsic to it. For me, courage manifests as an unwavering commitment to artistic integrity. It means refusing to let a precarious background determine whether I belong in the professional dance world and resisting the pressure to adapt my work to a landscape that continues to privilege Western art canons, despite the global interconnections in the history of dance. And it means continuing despite economic precarity and different forms of censorship. It is the repeated decision to choose artistic responsibility over a clear or popular career path in the face of constant heartbreak and uncertainty.
Sara Mikolai is a Tamil-German choreographer, dancer, and researcher based in Berlin and Sri Lanka. Her work creates sensory worlds through live performance, where movement, dance, and sound intertwine, while challenging the inherited canons of Western and postcolonial-nation-building forms of South Asian dance contexts.
Foto: Owen Fiene
- September-Oktober 2026
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