Körper erzählen: Über das Älterwerden im Tanz
Die Tanzcompagnien laborgras und Rubato gehören seit Jahrzehnten zu den prägenden Akteur*innen der Freien Berliner Tanzszene, die Räume geöffnet und Strukturen mit aufgebaut haben – oft gegen Widerstände und immer mit Visionen und Leidenschaft für den Tanz. Renate Graziadei und Arthur Stäldi von laborgras sowie Dieter Baumann und Jutta Hell von Rubato blicken zurück auf ihre Anfänge, erzählen von den schönsten und schwersten Momenten, von Begegnungen, Verlusten und Neuanfängen. Sie teilen ihre Überzeugung, dass der alternde Körper seinen Platz auf der Bühne haben muss.
Vier Fragen an die Tanzcompagnie Rubato
Welche Erinnerungen habt ihr an eure Gründungszeit?
Wir haben die Tanzcompagnie Rubato Mitte der 1980er Jahre gegründet. Damals war die Tanzszene in Berlin noch überschaubar, mit der Tanzfabrik als führender Gruppe der Freien Szene. Fast alle Beteiligten kannten sich persönlich und gegenseitige Besuche bei Aufführungen waren selbstverständlich – Subszenen gab es praktisch nicht. Die Förderung lief ausschließlich über Projektmittel, die von einer Senatsjury spartenübergreifend vergeben wurden. Das Leben in Berlin war günstig: Wir wohnten und arbeiteten in einer sogenannten Remise mit 250 m² Fläche, in der wir unser eigenes Studio ausgebaut hatten – vier Meter breit, zwölf Meter lang, für nur 125 DM monatlich. Halleluja!
Was waren die schönsten und was die schwierigsten Momente der letzten 40 Jahre?
Wir hatten die Chance, über das Goethe-Institut weltweit aufzutreten und verschiedene Kulturen zu erleben. Wir lernten viele spannende Künstler*innen dadurch kennen. Da wir an vielen Orten auch Workshops geben mussten, hatten wir oft Kontakt mit den Szenen vor Ort. Eine herausragende Tournee war unsere erste Einladung nach China 1995 (Guangzhou und Peking). Wir lernten die wichtigsten Vertreter*innen der damaligen chinesischen Tanzszene kennen. Es war der Beginn einer bis heute anhaltenden künstlerischen Begegnung mit China. Der schwierigste Moment in unserer künstlerischen Laufbahn ist mit den akuten Kürzungen der Gegenwart und den aktuellen Entscheidungen von Jurys verbunden. Heute stellt uns der Wegfall von Förderungen vor große Herausforderungen: Lang aufgebaute Strukturen und kreative Teams können nicht mehr erhalten werden. Wir stehen vor einem Generationenwechsel und müssen lernen, mit dem „Altsein“ in der Szene umzugehen.
Welchen Platz sollte der alternde Körper auf der Bühne einnehmen?
Das Ideal vom ausschließlich jungen Körper im Tanz sollte der Vergangenheit angehören. Was im Schauspiel und im Film selbstverständlich ist, dass junge und alte – ältere – Darsteller*innen zusammenspielen, ist auch im Tanz möglich. Choreograf*innen sollten Stücke schaffen, in denen alle Generationen vertreten sind. Keine Diskriminierung, auch nicht für den alternden Körper!
Was wünscht ihr euch für die Zukunft?
Generell: mehr Anerkennung und mehr Geld für die Kunst! Für uns selbst: einen positiven kreativen Weg zu finden, mit dem Altern umzugehen und uns auch nach über 40 Jahren aufzumachen zu neuen Ufern.
https://tanzcompagnie-rubato.de
Vier Fragen an laborgras
Welche Erinnerungen habt ihr an eure Gründungszeit?
Wir erinnern uns an lange Gespräche in verrauchten Küchen, an öffentliche Proben auf Kampnagel, an tagelange Wiederholungen einzelner Bewegungen oder Abläufe, an den Aufbau unseres ersten Studios in Hamburg – und an vieles mehr. Die Anfangszeit von laborgras nach der Gründung im Sommer 1994 war geprägt von Neugier – und der großen Lust am Experiment im Tanz. Wir wollten Tanz anders denken, Räume öffnen für das Prozesshafte und für Arbeitsweisen jenseits konventioneller Formate. Es war eine Zeit des Suchens, des Ausprobierens und Entwerfens. Eine Zeit, in der noch alles möglich schien.
Was waren die schönsten und was die schwierigsten Momente in den letzten 30 Jahren?
Schöne Momente gab es viele – zum Beispiel, wenn wir neue Bewegungen für uns entdeckten, oder in diesen oft leisen, manchmal humorvollen Momenten in der Probenarbeit, wenn sich plötzlich eine unerwartete Tiefe auftat, etwas spürbar wurde, das sich nicht mehr in Worte fassen ließ. Und wenn das Publikum sich auf eine Arbeit einließ – und sich berühren ließ, jenseits rationaler Verständnisebenen. Die schwierigsten Momente kamen meist von außen: wenn Strukturen zu eng oder zu bürokratisch waren für das, was wir eigentlich tun wollten. Aber auch Krisen haben uns weitergebracht. Sie haben unsere Arbeit geschärft und uns gezwungen, immer wieder neu zu fragen: Warum machen wir das? Und wie soll es weitergehen? Der schmerzlichste Einschnitt war der Verlust unseres Studios am Paul-Lincke-Ufer vor zwei Jahren – ein Ort, der weit mehr war als nur ein Arbeitsraum. Er war Basis, Zuhause und öffentlicher Begegnungsort für alle, die sich für Tanz interessieren. Bis heute empfinden wir diesen Verlust als tiefe Zäsur.
Welchen Platz sollte der alternde Körper auf der Bühne einnehmen?
Wenn wir über Diversität sprechen, müssen wir auch über das Alter sprechen. Die Bühne darf kein Ort der Verdrängung sein, sondern sollte ein Raum der Sichtbarkeit sein – für Körper aller Generationen. Der alternde Körper konfrontiert uns mit unserer eigenen Vergänglichkeit – und genau darin liegt seine künstlerische Kraft und Schönheit. Er trägt Erfahrung und Geschichte in sich. Wir verstehen Alter nicht als Einschränkung, sondern als Erweiterung der Ausdrucksmöglichkeiten. Ein reifer Körper erzählt anders: vielleicht mit weniger Lautstärke, aber mit großer Klarheit und Tiefe.
Was wünscht ihr euch für die Zukunft?
Mehr Raum für künstlerische Forschung. Mehr Vertrauen in offene Prozesse. Und eine Kultur des Miteinanders, in der Unterschiede nicht nivelliert, sondern sichtbar gemacht und wertgeschätzt werden. Wir wünschen uns, dass Tanz als eigenständige Kunstform weiter an Bedeutung gewinnt – nicht als Dekoration oder Illustration, sondern als ernstzunehmende Form des Weltverstehens. Denn Tanz ist für uns kein Produkt, sondern eine Form des gemeinsamen Denkens und Fühlens in Bewegung. Weil wir glauben, dass Tanz dort Fragen stellt, wo Worte enden.
Als krönenden Abschluss der Retrospektiv 25 Jahre laborgras in Berlin ist vom 23. bis 26. Oktober im DOCK 11 / DOCK ART die Produktion sinnestaumel von laborgras zu sehen.