Liebe Leser*innen,
als Kind wollte ich dringend Tutus wie Silvia Seidel in der ZDF-Serie Anna haben und schwarze Tanzbodys und Stulpen wie Jennifer Beals in Flashdance (es war sehr wichtig, die Stulpen bis über die Fersen zu ziehen), später in der Tanzausbildung war es bei uns, warum auch immer, Common Sense, bei den weiten Trainingshosen immer nur ein Bein bis zum Schritt hochzukrempeln. Tanz und Mode teilen eine enge Beziehung zum Körper: Beide formen ihn, setzen ihn in Szene und schreiben Bedeutungen in ihn ein, Stoffe reagieren auf Bewegung, Bewegung antwortet auf Stoff. In diesem Wechselspiel entstehen Bilder von Identität, Begehren und Zugehörigkeit. Tanz und Mode sind dabei nie nur ästhetische Praktiken, sondern immer auch soziale, kulturelle und politische Erzählungen.
Wie Kleidung Bewegung nicht nur begleitet, sondern choreografiert, speichert und als performative Praxis wirksam macht, darüber schreibt die Theaterwissenschaftlerin Prof. Dr. Maren Butte. In ihrem Essay Stoffe in Bewegung – Bewegung im Stoff. Pas de deux von Tanz und Mode folgt sie der Interaktion zwischen Tanz und Mode durch Geschichte und Gegenwart. Der Künstler, Modedesigner und Kostümbildner Michiel Keuper reflektiert im Text Shaping Serendipity seine Arbeit zwischen Design, Kostüm und Tanz. Er beschreibt Gestaltungsprozesse, die bewusst Raum für Zufall, Improvisation und kollektive Autor*innenschaft lassen und Mode als offenen, beweglichen Prozess begreifen. Mit PARADOX: something internal öffnet die Stylistin Luisa Brinker schließlich einen visuellen und textlichen Raum, in dem innere Zustände, Pose und textile Form miteinander verschränkt sind. Ihre Bildstrecke untersucht Verdrehung, Schichtung und Materialität als Ausdruck von Spannung, Verletzlichkeit und Freiheit. Und unsere Kolumnistin Alina M. Saggerer setzt sich in Verdächtig: Das Spiel der Ähnlichkeit mit Nachahmung, Originalitätsansprüchen und dem Verdacht des Kopierens auseinander und denkt, ausgehend von tänzerischer Praxis, Mimesis als relationale Bewegung statt als Verlust von Eigenständigkeit.
Auch wenn der Tanzkalender in den ersten Monaten dieses Jahres aufgrund zu später Förderzusagen noch immer ausgedünnt ist, gibt es genug zu sehen auf den Bühnen von Berlin und Brandenburg: Kurzvorschauen auf ausgewählte Uraufführungen und Berlinpremieren findet ihr im Heft ebenso wie den Kalender für den Gesamtüberblick.
Ich wünsche euch eine gute Zeit im Theater und hoffentlich ein paar erste milde Frühlingstage,
viel Spaß beim Lesen,
Johanna Withelm