Liebe Leser*innen,
bis vor nicht allzu langer Zeit wurde das Ideal des jungen, leistungsfähigen, gesunden Körpers im Tanz nicht nur zelebriert, sondern auch zur Norm erhoben. Dieses Körperbild, tief verankert in Ausbildungsstrukturen, Förderentscheidungen und künstlerischer Ästhetik, hat Generationen von Tänzer*innen geprägt – und viele ausgegrenzt. Wer altert, verschwindet oft aus dem Rampenlicht. Doch was sagt das über unsere Vorstellung von Tanz – und von Gesellschaft?
Warum Tanz als Beruf und als Praxis des Wahrnehmens, Forschens und Teilens in jedem Alter selbstverständlich sein sollte, beschreibt der Choreograf und Tänzer Peter Pleyer in seinem Essay There is Always Space for More. Über die Selbstverständlichkeit, in jedem Alter zu tanzen. Auch die beiden Tanzkompanien laborgras und Rubato, zwei der ältesten und prägendsten Gruppen der Berliner Tanzszene, teilen ihre Überzeugung, dass der alternde Körper seinen Platz auf der Bühne haben muss. Im Mini-Interview Körper erzählen: Über das Älterwerden im Tanz blicken sie zurück auf ihre Anfänge, erzählen von den schönsten und schwersten Momenten und von ihren Wünschen für die Zukunft. Und wie blicken jüngere Tanzschaffende auf ihre älteren Kolleg*innen? Darüber schreibt die Choreografin und Tänzerin Sasha Amaya in ihrem Text Lessons from the Berlin Dance Scene. Sie berichtet, wie hilfreich der Austausch mit etablierten Künstler*innen für sie war, und reflektiert, wie Generationen nicht klar getrennt nebeneinanderstehen, sondern sich ineinander schieben, überlagern und gegenseitig prägen. Außerdem in diesem Heft: die Kolumne Every Scroll You Take über die Bewegungspraxis des Doomscrolling von Dana Furema und Fridolin Löschner, Studierende der Tanzwissenschaft und Teilnehmende des von unserer Kolumnistin Alina Saggerer geleiteten Seminars Utopia, Hope and Negativity.
Der Sommer neigt sich dem Ende zu und eine neue Spielzeit steht vor der Tür: Es gibt viel zu entdecken auf den Bühnen Berlins und Brandenburgs, zum Beispiel bei der KUYUM Tanzplattform 2025 vom 14. bis 21. September in den Uferstudios und im Theaterhaus Berlin, beim Nonbinary Superpower Festival vom 18. bis 27. September in der Vierten Welt oder beim Unrenewable Energies Tanzfestival von Making A Difference vom 24. September bis 17. Oktober 2025 in den Uferstudios. In der Heftmitte findet ihr den Tanzkalender mit der Übersicht aller Veranstaltungen und außerdem sechs Kurzvorschauen auf ausgewählte Premieren und Festivals.
Ich wünsche euch einen tollen Start in die neue Spielzeit,
viel Spaß beim Lesen,
Johanna Withelm
*In der Juli-August Ausgabe haben wir den Essay The Performance-Doula von Claire Lefèvre veröffentlicht. Es gab Korrekturen im Introtext, die es aus Zeitgründen nicht mehr in die Printausgabe geschafft haben. Den angepassten Introtext zum Essay drucken wir hier nachträglich ab:
“If our projects are our babies, which feminist, queer parenting strategies would we want to apply to their upbringing? Under what conditions would we want to give birth? And who will hold our hand while we do it?” Choreographer, performer and writer Claire Lefèvre reflects on creative processes as birthing metaphors. She introduces the figure of the “performance doula”, a protagonist who would support people emotionally and physically before, during and after the gestational work of art making. Lefèvre advocates for a new role in the cultural scene that prioritizes care, solidarity and collective creation. It’s an inspiration for all those who not only want to make art, but also live (and survive) it.