Billy Elliot – I Will (Research) Dance
Manchmal erzähle ich halb im Spaß, dass ich ohne den Film Billy Elliot nie Tanzwissenschaftlerin geworden wäre. Ein Junge im Unterhemd, konzentrierter Blick, Arme in der dritten Position, hinter ihm Mädchen in Tutus: So sah das kleine Bild in der Fernsehzeitung aus, das mein Interesse weckte. Ich wollte diesen Film unbedingt sehen! Doch er lief erst um 22:15 Uhr, das war leider viel zu spät für mich, die ich damals erst acht Jahre alt war. Ein befreundetes Paar meiner Eltern nahm den Film jedoch auf VHS-Kassette auf, sodass ich ihn nur wenige Tage später schauen konnte. An das erste Mal erinnere ich mich leider kaum. Dafür an alles, was danach kam.
Ich schaute Billy Elliot – die Geschichte des Jungen aus einer Bergarbeiterfamilie im Nordengland der 80er Jahre, Vater und Bruder im Streik, der, anstatt zu boxen, das Tanzen für sich entdeckt – eine Zeit lang jeden Samstagmorgen. Als meine Mutter irgendwann sagte, ich könne doch nicht jedes Wochenende den gleichen Film schauen, setzte ich mich mit meinem Kassettenrekorder vor den Fernseher und nahm ihn auf. So konnte ich ihn von da an auch abends zum Einschlafen hören. Die Bilder kamen von selbst, wenn ich die Augen schloss und der Musik und den Stimmen zuhörte.
Aber das eigentliche Begehren ging tiefer: Ich wollte nicht nur zuschauen, nicht nur zuhören. Ich wollte hinein. Also begann ich, die Choreografien nachzutanzen. Stundenlang versuchte ich, die Audition-Choreografie zu lernen: der tappende Fuß, die kleine Steppeinlage. Es war gar nicht so leicht, aus zwei Szenen, in denen die Choreo getanzt wurde, die vollständige Abfolge zusammenzupuzzeln. Schnitte und Kamerawechsel machten es unmöglich, die volle Bewegung zu verfolgen. Ich setzte mich wieder vor den Fernseher und versuchte in Play-and-Pause, eine Notation der Schrittfolge anzufertigen, kleine Kritzeleien, bevor ich mich wieder in mein Kinderzimmer verzog, um damit zu proben. Es klappte nie ganz, aber vielleicht war das auch der Punkt. Denn je öfter ich die Bewegungen wiederholte, desto mehr spürte ich, was sich nie über das Schauen allein erschlossen hätte: Ich konnte den Film von innen erfahren. Mein eigener Körper begann, etwas zu entdecken, das ich vorher nicht wahrgenommen hatte. Das Gefühl, sich in etwas hineinzugeben und trotzdem immer noch ich selbst zu sein. Der Film öffnete für mich einen Raum, in den ich körperlich eintreten konnte. Die Choreografien waren erlernbar, ich tanzte mich anders zu dem Film in Beziehung und doch blieb auch eine Distanz. Mein Körper war nicht Billys Körper, mein Leben nicht das von Billy, das vollständige Eintauchen war unmöglich, doch genau diese Unmöglichkeit zog mich noch tiefer hinein.
Tanz kann die Distanz zwischen Zuschauer*in und Geschehen spürbar werden lassen. Man nimmt immer durch den eigenen Körper hindurch wahr, mit allen Sinnen. Er lässt sich nicht wegdenken, ist zugleich Medium und Grenze. Vielleicht ist die Tanzwissenschaft für mich eine Fortsetzung desselben kindlichen Triebes von damals: das Forschen als Weiter-(Ver)Suchen, Tanz erkennen, immer näher heran, doch nie ganz darin aufgehen.
Alina M. Saggerer ist Tanzwissenschaftlerin an der Freien Universität sowie dramaturgisch und journalistisch tätig