tanzbüro
Uferstraße 23
13357 Berlin
+49 30 460 643 51
postno-spam@tanzbuero-berlin.de
Info

Tanzbüro Berlin
is the central contact point
for the Berlin dance scene,
offering advice and networking.

edition September-Oktober 2026

Am Schweigen schreiben, an der Mauer tanzen

Alina M. Saggerer
Tanzwissenschaftlerin

In einer Szene des Films Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war (2026) improvisiert Sandra Hüller am Tiberufer in Rom einen Tanz: Kleine, vorsichtig-zuckende Bewegungen der Hände und Arme steigern sich zu ausladenden Sprüngen, ein starkes Momentum aus dem Zentrum. Am Ende läuft sie auf ein altes Gemäuer zu, wirft sich dagegen und schmiegt sich außer Atem an den Stein. Laut Regisseurin Regina Schilling ist dieser kurze Tanz Ausdruck des ekstatischen Gefühls eines Schreibflusses, „wenn die Worte und die Buchstaben flimmern“. Die Szene ist ein Geschenk an die österreichische Schriftstellerin Ingeborg Bachmann, eine Utopie: „Ich hab mir für sie gewünscht, dass sie durchatmen und ihren Körper spüren kann.“ Schon vor dem Film, als ich mich anlässlich Bachmanns 100. Geburtstag wieder mehr mit ihr beschäftigte, stellte ich mir die Frage, ob sich ihr Werk mit Tanz in Verbindung bringen lässt. 

Eine gängige Annahme ist, dass Tanz Dinge zugänglich machen oder ausdrücken kann, die Worte nicht fassen können. Bachmann sieht, ausgehend von Wittgensteins Diktum, im Unsagbaren ein utopisches Potenzial. Doch gibt es analog dazu auch das Untanzbare? Nicht als Frage von Technik oder Übung, nicht als Musik, die sich nicht zum Tanzen eignet, sondern als ein Stoff, eine Erfahrung, die sich dem Ausdruck durch körperliche Bewegung entzieht oder verweigert. 

In Bachmanns Erzählung Alles ist „alles eine Frage der Sprache“, nicht nur der deutschen, sondern auch einer Sprache, die darunter schwelt, „die reicht bis in die Gesten und Blicke, das Abwickeln der Gedanken und den Gang der Gefühle, und in ihr ist schon unser aller Unglück.“ Was ist das für eine glimmende Sprache, die unter der gesprochenen schwelt? Sie scheint nicht Utopie, sondern Unglück zu sein. Die Erschütterung des Vertrauensverhältnisses von Ich, Sprache und Ding, vor dem Hintergrund der Verbrechen des 20. Jahrhunderts, führt zu dem, was Bachmann „Stürze ins Schweigen“ nennt. Schweigen ist für sie keine sichere Position, sondern droht, zu Einverständnis zu werden. Deshalb gilt es, weiterzuschreiben, im oder durch Schreiben zu versuchen, eine neue Sprache zu finden. 

Kann ein Körper im „Gang der Gefühle“, von Geste zu Geste taumelnd, schweigen – wenn er stillsteht? Im Tanz entspricht dem Schweigen vielleicht das Stillstehen, das Abbrechen von Bewegung. Doch selbst dann bleibt der Körper auf der Bühne sichtbar, im Dialog mit dem Publikum, das den Blick auf ihn richtet. 

In Bachmanns Romanfragment Der Fall Franza versteinert die Protagonistin. Sie erstarrt emotional und sprachlich als Ausdruck der erfahrenen patriarchalen Gewalt. Die Welt und ihre Sprache vermögen ihre Erfahrung der Zerstörung und ihren Schmerz nicht zu fassen. Im Bild des Steins verdichtet sich ihr Wunsch, nicht mehr reagieren zu müssen, sich dem Zugriff einer zerstörerischen Welt zu entziehen. Wie in Schillings Film bricht der Schreibfluss am Stein des Schweigens, und auch der Tanz kann sich mit der Figur der Versteinerung dem Untanzbaren zuneigen, ohne der körperlichen Kommunikation, dem Weitertanzen, je ganz entsagen zu können.

 

Alina M. Saggerer ist Tanzwissenschaftlerin an der Freien Universität sowie dramaturgisch und journalistisch tätig.

follow us