TW: Dieser Text enthält Passagen zu psychischer Gesundheit, Depressionen und Suizid. Bitte achte auf dein emotionales Wohlbefinden beim Lesen.
Nachdem in den 90er Jahren in vielen deutschen Stadttheatern die Tanzsparten abgeschafft wurden, um Geld zu sparen, kam mit dem „Tanzplan Deutschland“ ein wichtiger Impuls, um die Freie Tanzszene bundesweit zu stärken und ein kontinuierliches Wachstum zu ermöglichen. Es wurden 12,5 Millionen Euro investiert, um die Infrastruktur sowie die Professionalisierung - etwa durch neue Tanzstudiengänge - zu fördern. So sind in Berlin ganze Generationen professioneller Choreograf*innen, Tänzer*innen und Performer*innen entstanden.
Berlin hat mittlerweile die größte freischaffende Tanzszene in Deutschland. In den letzten Jahrzehnten haben international anerkannte Künstler*innen hier gelebt und gearbeitet. Ihr Beitrag zur Entwicklung des zeitgenössischen Tanzes – lokal wie international – ist immens. Und doch verschwinden viele dieser Künstler*innen still und leise aus der Berliner Tanzszene. Niemand weiß, warum oder wie. Wir hören nur, dass sie plötzlich den Beruf gewechselt haben, in andere Städte oder Länder gezogen sind – oder wie hören gar nichts mehr von ihnen.
Ich glaube, unser Fördersystem ist mitverantwortlich dafür. Es macht viele antragstellende Künstler*innen unsichtbar. Schon damals waren die Fördertöpfe zu schlecht ausgestattet, um dem Potenzial gerecht zu werden, das durch Tanzplan Deutschland freigesetzt wurde. Jede Tanzjury berichtet seit Jahren über die enorme Diskrepanz zwischen künstlerischer Qualität und finanziellen Mitteln – Jahr für Jahr, fast wie ein Mantra.
Wir haben in Berlin noch immer ein Fördersystem, in dem kurzfristige Projektförderungen die Hauptsäule bilden. Diese Art der Förderung ist strukturell so aufgebaut, als würde sie Hobby-Tanzkünstlerinnen unterstützen. Sie erkennt nicht an, dass wir professionell ausgebildete Berufstätige sind. Dabei müssen Tanzschaffende in jedem einzelnen Antrag ihre Professionalität erneut unter Beweis stellen – mit Lebensläufen, Portfolios, Referenzen. Sie müssen beweisen, dass sie kontinuierlich arbeiten – in einem System, das ihnen keine kontinuierliche Arbeit ermöglicht. Ein Paradox-nicht wahr?
Dieses System
- erkennt nicht an: dass wir als professionelle Tanzarbeiter*innen Nachhaltigkeit und Kontinuität brauchen, um unsere künstlerische Arbeit und unsere Strukturen weiterzuentwickeln.
- Es erkennt nicht an, dass wir vielleicht auch für andere Menschen sorgen – für Kinder, Eltern oder Partnerinnen.
- Es erkennt nicht an, das unsere Rente uns im Alter in Armut stürzen wird.
- Es erkennt nicht an, dass viele von uns nicht einfach in ihre Herkunftsländer zurückkehren können – wegen Nationalität, sexueller Identität oder Behinderung.
Dazu kommt: Die Berliner Tanzszene hat kein eigenes Tanzhaus, und die privatrechtlichen Orte, an denen Tanz präsentiert wird, kämpfen kontinuierlich um ihre Existenz. Sie müssen, genau wie die Künstler*innen, regelmäßig Anträge stellen.
2018 hatte der große partizipative Prozess Runder Tisch Tanz genau diese rettende Aufgabe, die Infrastruktur der Tanzlandschaft vor dem Verschwinden zu bewahren und auszubauen. 200 Tanzschaffende haben gemeinsam mit Politik und Verwaltung sieben Maßnahmen konzipiert. Statt 6 Millionen Euro bekam die Szene dafür 700.000 Euro - Ein Schlag ins Gesicht für den Berliner Tanz. Von sieben Maßnahmen sind seit diesem Jahr nur noch drei übrig: Tanzpraxisstipendien, Tanzresidenzen und eine bescheidene Stärkung der dezentralen Tanzorte – die heute für Tänzer*innen und Choreograf*innen buchstäblich die letzte Rettung bedeuten.
Freie Künstler*innen sind Teil der Tanzinfrastruktur. Ein System, das für Künstler*innen aber nur Projektförderung vorsieht, erkennt sie schlicht nicht als Infrastruktur an und verhindert kontinuierliches und nachhaltiges professionelles Arbeiten. Solch ein System will kein Wachstum, sondern eine rotierende Szene – immer neues Blut. Doch dieses neue Blut weiß oft nicht, dass es nicht lange fließen darf – soll es vielleicht gar nicht fließen? Dieses Blut aber leistet permanent Pionierarbeit, wenn es um Körperarbeit, Anti-Diskriminierung, Diversität und Barriereabbau geht.
Ich möchte daher hier und jetzt, die hunderten von Anträgen anerkennen, die in diesem Moment abgelehnt werden – denn jede Ablehnung bedeutet nicht nur eine existenzielle Bedrohung, sondern stellt auch unser Selbstwertgefühl infrage. Mit den aktuellen Kürzungen, die vor allem Soloselbstständige und freie Gruppen treffen, lehnt dieses Fördersystem 95 % unserer Tanzgemeinschaft ab. Nur 5 % der Anträge werden derzeit in den Darstellenden Künsten und dem Tanz bewilligt!
Diese Dynamik hat die körperliche und mentale Gesundheit unserer gesamten Gemeinschaft massiv beeinträchtigt. Wir haben Depressionen, Krankheiten und sogar Suizide unter Kolleg*innen erlebt.
Ein solches System, das mit gravierenden Kürzungen konfrontiert wird, stellt den gesamten Professionalisierungsprozess in Frage, der einst durch Tanzplan Deutschland initiiert wurde und durch den Runden Tisch Tanz weiterentwickelt wurde. Für die Stadt Berlin bedeutet das nicht nur den Verlust des Tanzes als professionelle Kunstform in der Freien Szene, sondern auch den Verlust der bekanntesten und international erfolgreichsten Tanzszenen weltweit.
Dieses Fördersystem ist nicht in der Lage, den Tanz vor einer existenziellen Bedrohung sowie von einer rechtspopulistischen Politik zu schützen. Deshalb appelliere ich hiermit dringend an die Politik und den Berliner Senat, die Fördertöpfe zu erhöhen und eine grundlegende Förderreform in Gang zu setzen, um den Tanz und die Tanzszene vor der Zerstörung und vor ihrem Verschwinden zu bewahren!